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zum Amüsement herkommt, getränkt sind23
– trotzdem wird
er bisweilen despektierlich als Schaumschläger apostrophiert.
Gehäuft ausgerechnet nach der »Über die Grenzen des Erlaub-
ten oder Külz und Kunst« betitelten Stegreif-Matinee, in der
er auf Einladung Theodor Taggers im frisch renovierten Ber-
liner Renaissancetheater am 30. Januar 1927 unter anderem
über das im Dezember 1926 vom Reichstag verabschiedete »Gesetz zur
Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften«, kurz:
Schmutz-und-Schund-Gesetz – nach Reichsinnenminister Wilhelm
Külz, der den Regierungsentwurf vorlegt, auch »Lex Külz« genannt
–,
spricht, dem gemäß Prüfstellen für Nord- und Süddeutschland sowie
eine für Beschwerdefälle zuständige Oberprüfstelle eingerichtet werden.
Gegen das Gesetz wurde im Oktober 1926 mit in Berliner Zeitungen
veröffentlichten Aufrufen und Petitionen an Reichstag und Regierung
–
unterzeichnet von allen, die Rang und Namen haben in der République
des lettres – im Namen der »Geistesfreiheit« mobil gemacht.
Während in der »Vossischen Zeitung« tags darauf zu lesen steht, daß
von Kuhs »mit urmimischer Rhetorik« anderthalb Stunden lang »aus
dem Ärmel geschossenen Einfällen »ein Dutzend ›Literaten‹ mehrere
Jahre leben könnten«;24 während der »Vorwärts« den Vortrag »rein
artistisch eine Meisterleistung« nennt;25 während sogar der deutsch-
nationale »Tag«, dessen Anhang Kuh kräftig den Kopf gewaschen
hatte, ihm seine Anerkennung nicht versagt – »Herr Anton Kuh war
mit Esprit geladen, Herr Kuh entwickelte Gedankengänge, die redne-
risch glänzend gefaßt waren, Herr Kuh brillierte«26 –, ist eine der Be-
sprechungen von Kuhs Polemik gegen den »gesetzlich geschützten
Normalmenschen« mit »Wiener Mittagsschmus«27 überschrieben, in
einer weiteren von »Wiener kaffeehausliterarischer Welteinstellung«28
die Rede; davon daß Kuh »hihi, so der richtige Wiener sei, lose Zunge,
weicher Kopp; Dampfplauderer ohne sachliches Rückgrat«.29 – Ber-
liner Kaltschnauzen, die dem zugewanderten Wiener Dampfplauderer
die Schneid abkaufen? – Mitnichten. Sondern das uralte Phänomen
vom Bauern, der das Kreuz nicht grüßt, weil er den Herrgott noch als
Birnbaum gekannt hat. Soll heißen: das tiefsitzende, aus Neid und Miß-
gunst gespeiste Ressentiment, das die aus der Donaumetropole zu-
gewanderten Hundertschaften und mittlerweile berlinisch Maskierten an
die Spree mitgebracht haben.30 Oder, wie Kuh selbstbewußt zuspitzt:
das (Angst-)Gegeifer von im Berliner Literatur-, Theater- und Film-
betrieb werkenden Zweite-, Dritte- und Vierte-Garnitur-Wienern gegen
den Neuankömmling aus der ersten Garnitur. Kuh macht seinem Ärger
in einer Philippika mit dem Titel »Der Wiener in Berlin und der Berliner
Berlin,
Renaissancetheater,
30.1.1927, 12 Uhr:
Über die Grenzen
des Erlaubten
oder Külz und
Kunst
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien