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aus Wien«31 Luft und rechnet mit jenen Zuag’rasten ab, die seinen
Külz-Vortrag runtergeschrieben haben.
Seine publizistische Heimat ist ab Dezember 1926 eine ungemein
gescheite, aufgeweckte, hellhörige und gut geschriebene Sonntags-
zeitung: die im Münchner Verlag Knorr & Hirth erscheinende »Süd-
deutsche Sonntagspost«, schlagender Beweis dafür, daß tiefe Wasser
nicht trüb sein müssen und »Engagement«, Anstand und Gesinnung
nicht verschwitzt und eifernd.
»Hauptschriftleiter«, soll heißen: Chefredakteur Walter Tschuppik
legt zwei Jahre nach dem Start am 12. Dezember 1926 – das Blatt hält
bei einer Auflage von gut 150.000 Exemplaren
– klar, daß die »Süddeut-
sche Sonntagspost«, was man gemeinhin unter »Programm« verstehe,
nicht habe. Wenn, dann: »das der gesunden, einfachen Vernunft, der
menschlichen Anständigkeit und des sozialen Gewissens.«32 Was ihn
unter anderem im Dezember 1932 die Redaktion von München nach
Haus bei Grafenau im Bayerischen Wald verlegen läßt, um das un-
beschreibliche und unbeschriebene Elend, in dem die Menschen dieser
Region ihr Leben fristen, aller Welt vor Augen zu führen und damit
eine Hilfsaktion zu initiieren. »Weil« – nur zwei der zwölf triftigen
Gründe, die Walter Tschuppik anführt – »weil am grünen Tisch in
München oder in Berlin die Welt in dieser Zeit anders aussieht als zum
Beispiel im Dörfchen Haus bei Grafenau
… […] Weil das Hemd näher
ist als der Rock, und weil die Not das Dörfchen Haus so lange zur
Hauptstadt Deutschlands macht, bis uns Berlin mit seinen politischen
Nachrichten und Paris samt dem Sturze Herriots wieder näher gerückt
sein werden …«33
Anläßlich eines Pariser Gastspiels in der Hauptstadt Deutschlands,
wird Anton Kuh, wie er merkbar vergrätzt bemerkt, dann von den
Berliner Kritikern »der deutsche Text gelesen«.34 Sie echauffieren sich
in ihren Premierenberichten über einen von ihm übersetzten Sketch in
der Revue »Vive la femme!« vom Pariser Palace-Theater, die ab 1. April
1927 im Admiralspalast zu sehen ist. »Streichen!« lautet unisono das
Verdikt über das sechsminütige Wortspiel um das französische »Merde!«
und Kuhs allzu explizite Übertragung35
– und beinah einhellig auch ein
antiaustriakischer Unterton. Am wenigsten verblümt in der »B. Z. am
Mittag«, in der von »ein[em] bedauernswert geist- und witzlose[n]
Sketch in der Verdeutschung des Herrn Anton Kuh aus Wien« – »aus
Wien« ist »eine beliebte [Berliner] Spottmarke, die man Mißliebigen
aus der Nachbarzone anhängt«36
– die Rede ist.37 In einer Zuschrift an die
»B. Z. am Mittag« verwahrt sich Kuh gegen die abfällige Wertung seiner
Übersetzung: »Im Premierenbericht Dr. Erich Urbans über die Pariser
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien