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ĂĽber geeignete, dem Medium angemessene Sendeinhalte. DaĂź der Rund-
funk als halbstaatliche Institution allen – immerhin zahlenden – Teil-
nehmern etwas bieten muĂźte, stand auĂźer Frage, umstritten war jedoch
die grundsätzliche Funktion des neuen Mediums: Bildung oder Unter-
haltung?
Kuh stand keineswegs allein mit seiner Beschwerde ĂĽber die akusti-
sche Berieselung, der die Hörer täglich ausgesetzt waren. Die Klagen
ĂĽber die Seichtigkeit des breitangelegten ProgrammsÂ
– »neben knallig-
stem Massenschund die esoterischsten Kulturgenüsse«7 –, das auf die
BedĂĽrfnisse der geistig Anspruchslosesten zugeschnitten sei, waren Le-
gion und führten regelmäßig wohlmeinende aufgeklärt-absolutistische
Vorschläge zur Programmgestaltung im Schlepptau. Beispielhaft die
Philippika Rudolf Arnheims: »Warum nimmt man sich für die Abend-
unterhaltungen die dĂĽrftigsten Bockbierfeste zum Vorbild? Warum
verwendet man für die Konzerte eine Bumsmusik, die selbst abgehärtete
Sterndampfer zum Kentern brächte? Warum erschreckt man uns durch
öligen Refraingesang und abendfüllende Opernpotpourris? Warum läßt
man neckische Rezitatorinnen ihren Altweibersommer in den Jugend-
stunden austoben? Oder näselnde Rentiers im Amtsjargon über Klein-
viehzucht und deutsches Wesen dozieren? Weil dem Publikum das
gefällt? Ihr habt euer Publikum doch in der Hand. Ihr seid seine Lehrer.«
Man könne den Hörern ja »auf eine ziemlich unpopuläre Weise erziehe-
risch kommen«, weil die ja ohnehin keine Wahl hätten – die Sende-
anstalten waren Monopolbetriebe –, und bevor sie gar nichts hören,
hören sie lieber »Gutes«.8
Die paternalistischen pädagogischen Ambitionen in Ehren, die im
Rundfunk die akustische Volkshochschule im Äther sahen – Rund-
funkpraktiker wie der Intendant der »Berliner Funkstunde«, Hans
Flesch, dachten schon 1930 nur mehr mit Schaudern an die »Volksbil-
dungsphrase« der ersten Jahre als gefährliche Androhung grauenhafter
Langeweile zurĂĽck: gutgemeinte Versuche, die von vornherein zum
Scheitern verurteilt waren, weil noch keine dem tönenden Medium
adäquaten Formate entwickelt waren.9 Ebenso Ernst Schoen, der künst-
lerische Leiter des SWR, der durchaus mit den von Bert Brecht und
dessen Mitarbeitern entwickelten Formaten und Walter Benjamins
»Hör modellen« experimentierte: »›Kultur mit einem haushohen K.
Man glaubte im Rundfunk das Instrument eines riesenhaften Volksbil-
dungsbetriebs in der Hand zu halten. Vortragszyklen, Unterrichtskurse,
groĂźaufgezogene didaktische Veranstaltungen aller Art setzten ein und
endeten in einem Fiasko. Denn was zeigte sich? Der Hörer will Unter-
haltung. Und da hatte der Rundfunk nichts zu bieten: der Trockenheit
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien