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und fachlichen Beschränktheit des belehrenden entsprachen Dürftig-
keit und Tiefstand des ›bunten‹ Teils. Was bisher als Vereinsunterneh-
men ›Schlummerrolle‹ oder ›fröhliches Weekend‹ eine Arabeske am
seriösen Programm gewesen war, mußte aus der muffigen Atmosphäre
des Amüsements in die gut durchlüftete, lockere und witzige Aktualität
gehoben und zu einem Gefüge werden, in dem das Mannigfaltigste auf
gute Art sich zueinander finden konnte.« Schoen gab die Losung aus:
»Jedem Hörer, was er haben will, und noch ein bißchen mehr (nämlich
von dem, was wir wollen).« Mit der von Benjamin formulierten Kon-
sequenz: »Man sah aber in Frankfurt sogleich: dies zu bewirken ist
heute [1929] nur möglich mit einer Politisierung, die ohne den chimä-
rischen Ehrgeiz staatsbürgerlicher Erziehung den Zeitcharakter so be-
stimmt, wie ehemals der ›Chat Noir‹ und die ›Elf Scharfrichter‹ es getan
haben.«10
Daß das neue Medium wiederum dem Mißbrauch Tür und Tor öff-
nete, war die Kehrseite der Medaille und sollte sich sehr bald weisen:
über Lautsprecher ein Instrument der Massenpropaganda mit bislang
nie dagewesener Breitenwirkung und Suggestionskraft. Der NS-Propa-
ganda galt der Rundfunk als »geistige Rüstungszentrale der Nation«,
die via Volksempfänger auch auf breitester Front erreicht wurde.
Schon bei der Kasseler Tagung »Dichtung und Rundfunk«11, zu der
für den 30. September und 1. Oktober 1929 die Sektion für Dichtkunst
der Preußischen Akademie der Künste und die Reichs-Rundfunk-
Gesellschaft eingeladen hatten
– unter den Teilnehmern: Arnolt Bron-
nen, Theodor Däubler, Alfred Döblin, Herbert Eulenburg, Herbert
Ihering, Hermann Kasack, Edlef Köppen, Oskar Loerke, Ina Seidel,
Arnold Zweig sowie der erste Intendant des Westdeutschen Rundfunks,
Ernst Hardt, und der Intendant der »Berliner Funkstunde«, Hans
Flesch –, zeichneten sich die weltanschaulichen Fronten ab, die fest-
legten, welchem Zweck der direkte Zugriff aufs Hörerbewußtsein
dienstbar gemacht werden sollte: der Unterhaltung, der Erziehung, der
»Erbauung«
– oder der Demagogie.
Rundfunktheoretiker und -praktiker der ersten Stunde befragten das
noch ziemlich neue Medium auf seine ästhetischen Möglichkeiten hin
und erörterten die Eignung der überkommenen Literaturgattungen für
das Radio. Alfred Döblin regte an, neue literarische Gattungen zu ent-
wickeln, das Hörspiel oder Mischgattungen zwischen Drama, Lyrik
und Essay. Er hegte die Hoffnung, daß die Literatur nicht nur vom
akustischen Medium (das formale Mittel wie Kürze, Prägnanz, Ein-
fachheit erfordere), sondern auch von der Publikumsstruktur Anstöße
zur Veränderung erhalte: Es galt, den »lebenden einfachen Menschen«
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien