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Noch harscher ins Gericht gehen Ihering und Kracauer mit dem
zweiten amerikanischen abendfüllenden Tonfilm, der in Berlin läuft,
mit dem Film »Submarine« um die Rettung der Besatzung eines auf
Grund gelaufenen U-Boots in allerletzter Minute. Ihering: »Stummer
Film mit synchronisierter Begleitmusik, dazwischen Geräusche und
Ensemblestimmen, Massengemurmel. Also ein schlechter Film. Als
stummer Film ist er verlegen. Die Schauspieler stehen herum, bewegen
sich langsam oder gar nicht, kräuseln die Lippen – es ist, als ob
man ihnen die Sprache nachträglich weggenommen hätte. Ein Taub-
stummenfilm.« Bei dem Gedudel der Filmmusik wünscht er sich in
die Zeiten der klischierten Kinotheken-Musikbegleitung zurück, jenes
Repertoires von bekannten längeren oder kürzeren Ausschnitten der
klassischen Musikliteratur, das ab Mitte der 1920er Jahre gebrauchs-
fertig zur Illustrierung typischer, immer wiederkehrender Motive,
Vorgänge und Situationen eingesetzt wurde. Die Story: »verlogenste
Sentimentalität«.6 Kracauers Resümee: »Mit technischer Virtuosität
verkitscht [der Film] furchtbare Ereignisse zu Sensationen« und: »Die
Verlogenheit, mit der hier die Wirklichkeit geschändet ist, kennt nicht
ihresgleichen.«7
Eine ideologiekritische LektĂĽre des US-Films, die nicht nur an Sieg-
fried Kracauer gemahnt, sondern bis in einzelne Formulierungen in
frappantem Gleichklang argumentiert, unternimmt auch Anton Kuh:
»Karl May, 420 Meter unter dem Meeresspiegel. Sie liegen wie die
Räuber um ihren Moor. Und die Hosen sind noch immer schneeweiß.
Wahrlich, das Ersticken ist, wenn man’s so sieht, ein Schülerausflug. So
stramm und kameradschaftsfroh geht’s ja angesichts des Todes immer
zu – die Kamera war doch dabei? Zum Beispiel: Titanic, nicht wahr?
Oder im vorigen Jahr: Santa Margherita. Da hat keiner den andern
wie eine Bestie zertreten, keiner sich vor dem andern gerettet, da galt
Offizierspflicht ›bis zur letzten Sekunde‹?« Um sein Resümee »›Sub-
marine‹ oder: Der Anti-Potemkin« wie folgt zu begründen: »Denn die
unerhörtesten Erfindungen der Neuzeit, Marconi, Aeroplan, Synchro-
nismus, Technik zum Kubus, werden hier aufgeboten – um Wirklich-
keiten zu zeigen? Nein: um Unwirklichkeiten schmackhafter zu ma-
chen. Eine Seite Courths-Mahler ist wahrer als die ganze Welt, die
diesem Riesenbau als menschliches Fundament dient. […] So mar-
schiert eine neue Errungenschaft. So beginnt eine neue Welt. Kaum
geschaffen, kommt sie in des producers Hand. Wird an die Urdumm-
heit geschaltet. SchieĂźt Kanonen auf der Menschheit kindisches Herz
ab. / Ein neues Wunder ist ĂĽbers Meer gekommenÂ
– und was bringt es?
Die alte Pest.«8
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien