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Die Kinderkrankheiten des jungen Mediums konnten dessen Sieges-
zug nicht aufhalten. Das alte Medium wurde durch das neue innerhalb
kürzester Zeit vollständig verdrängt.
Daß der bekennende Physiognomiker Kuh das Ende des Stumm-
films bedauerte, der mit den ihm eigenen Ausdrucksmöglichkeiten und
-mitteln, mit der expressiven, gleichsam auf laut gestellten Mimik und
Gestik die physiognomische und pathognomische Kunst par excellence
war, verwundert nicht. Er hatte indessen früh, schon 1912, auch der
noch stummen Illusionsmaschine gegenüber seine Reserven geäußert,
in der die Zeit ihr Gleichnis gefunden habe: »Sensation und Schnellig-
keit, mit Musikbegleitung, aber ohne Text. […] Das Leben ist nicht
mehr ein Theater. Es ist ein Kino.« Vor dieser »modernen Lebens-
verheißung«, die an allen Ecken und Enden in elektrischen Lettern
starrt und die es zunehmend schwer macht, »zu unterscheiden zwi-
schen dem, was wir erlebt und gesehen, was uns der Film gezeigt und
wovon wir gehört und gelesen haben«; vor einem Medium, das in der
Befriedigung der Schaugier Wirklichkeit nicht nur dokumentiert, son-
dern erst produziert – Kuh referiert drei Vorfälle aus Berlin, Budapest
und Paris, junge Männer die sich in den Tod stürzten und die eines ge-
mein hatten: Es geschah jeweils vor einer Kamera
–, als inszeniere eine
Kinogesellschaft die Sensationsmeldungen des Chronikteils.9
Ansonsten sind Kuhs Texte zum Thema Film und Filmbranche ganz
auf Parodie und Satire gestellt, wimmelt es darin von illiteraten Regisseu-
ren10 und Produzenten11, denen kein Sujet abgedroschen genug, kein Plot
simpel genug und keine Figur zu klischiert, kein Stoff zu kolportage-
haft12 sein kann. Er mißt die großen Autoren an der Tauglichkeit ihrer
Texte als Filmstoff. An der Forderung »Knapp, originell, übersichtlich,
mit einer Liebesgeschichte im Mittelpunkt. Dabei versteht sich: un-
anstößig und geeignet für den Provinzverleih« scheitern sie – Dosto-
jewski, Gogol, Puschkin (»alles zu breit, zu kompliziert, seelisch ver-
tüftelt«!), Baudelaire (»nicht eine einzige Gesellschaftsszene«!), Goethe
(»was hat er dem Provinzverleih zu sagen?«), Shakespeare (seine Vor-
liebe für Monologe!; keine brauchbaren Frauenrollen!) – allesamt: als
Filmautoren unbegabt!13 Gern folgt er auch dem Rat Franz Bleis, mit
dem er 1927 im »Maria-Stuart«-Film gemeinsam vor der Kamera dilet-
tiert, ja nicht Geistesanwesenheit in seine Ganglien zu pumpen
– kommt
bloß ein schlechtes Gesicht dabei heraus. »›Umgekehrt: alles ausschal-
ten, den Hirnvorrat absperren, das Bewußtsein zum Teufel jagen
– es ist
so wunderschön blöd!‹«14 Und aus eigener Erfahrung beim Filmen: »Der
richtige Zustand, um sich aus einem Schriftsteller in einen Filmliebling
zu verwandeln«? – Ein unter dreitausend Tonnen Atelierlampenlicht
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien