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auf die Opposition der protestantisch-puritanischen, selbstbeherrschten
und der naiv-sinnlichen, instinkthaft ungezügelten katholischen Herr-
scherin aufgebaut hatte, wird die Gestalt der Elisabeth im Kuhschen
Drehbuch zumindest für ihre Gegenspielerin nicht sichtbar und damit
umso unheimlicher: einer der Kniffe des Kuhschen Drehbuchs, dem sich
eine der eindrücklichsten Szenen verdankt: Einmal nur sieht man ihren
stechenden Blick von der Galerie herab auf die Rivalin gerichtet, die im
gespenstisch leeren Thronsaal ihr Schicksal kommen fühlt.
Bei aller mannhaften Zurückhaltung, die Willy Haas dem Drehbuch-
schreiber Anton Kuh attestierte, typisch Anton Kuhsche Faktur zeigt
das merkwürdige Schicksal des Geheimvertrages zwischen Schottland
und Frankreich, in dem Maria Stuart, damals noch ein Kind und »Gat-
tin« des Dauphins, Schottland an Frankreich auszuliefern versprach,
eines welthistorischen Dokuments also, das der Staatskanzler mal auf
dem Schreibtisch offen liegen läßt, mal in der Rocktasche vergißt, mal in
einem Korridor verliert, worauf es in die Toilette der schottischen
Landsknechte gerät, dort aber durch einen Zufall vor dem Schicksal
bewahrt bleibt, das Papier auf der Toilette eben beschieden ist, um
schließlich in die Hände der englischen Richter zu gelangen und der
armen Maria in England den Hals zu brechen. »Das Toilettepapier als
welthistorische Macht.«30 Eine Geschichtsauffassung, deren Witz zwar
zahlreiche Rezensenten goutieren, andere aber als Geschmacklosigkeit
beanstanden, als »stark duftenden Witz«, für den man allenfalls im
Romanischen Café auf Verständnis hoffen dürfe.31 Um abzusehender
Kritik an diesem Mätzchen den Wind aus den Segeln zu nehmen, statu-
iert Kuh schon zwei Monate vor der Uraufführung in einem Aufsatz
über seine Erfahrungen vor der Kamera: »Als Geschichtsforscher
jedoch, der ich zur Herstellung des Manuskripts vorher sein mußte,
stelle ich dem Einwand künftiger Filmbesprecher: ›Wie sich der kleine
Moritz die Geschichte vorstellt …‹ jetzt schon die eiserne Erkenntnis
entgegen: Die Geschichte ist genau so, wie sie sich der kleine Moritz
vorstellt.«32
»Ein Frauenschicksal« signalisiert der Untertitel das Interesse und
den Fokus der Autoren: eher Seelen- als historisches Drama, eher psy-
chologische Studie als kostümierte Haupt- und Staatsaktion. Maria
erscheint als – freilich wenig königlicher – männerverschlingender
Vamp, der bisweilen die Allüren einer Kokotte an den Tag legt und
zum Beispiel einmal dem eintretenden Thronrat mit einer riesigen Puder-
quaste übermütig zuwinkt oder nach einem ehelichen Zwist im Nacht-
hemd hinaus zur Schloßwache geht und die Ermordung seines Gatten
anordnet. Für das abgründig Dämonische der Herrscherin, deren Hände
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien