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Unmittelbarer Anlaß für Kuhs Ein- respektive Auslassungen ist eine
Rede im Rahmen der Pressa, der Internationalen Presse-Ausstellung in
Köln von Mitte Mai bis Mitte November 1928, in der Cultusminister
Carl Heinrich Becker öffentlich darüber nachgedacht hatte, die Herr-
schaften, die den Platz unter dem Strich bespielten, im Sinne »kollektiver
Verantwortlichkeit« an die Kandare zu nehmen, weil er dort noch allzu
viel »Individualismus« und »Atomisierung der öffentlichen Meinung«
ortete.79
Damit kommt er bei Kuh gerade an den Richtigen. Auch wenn dabei
nichts andres als Störung der Ruhe herauskäme, insistiert er: »›Vive
l’excès!‹«80
Daß Kuh eine Gelegenheit zu Polemik, zu »Gezänk« nur ungern
vorübergehen läßt, war auch eine Sache des Temperaments. Viel mehr
noch aber eine Frage seines Selbstverständnisses als Publizist: Für ihn ist
das Feuilleton ein »Diskursort«, ein Ort mithin, wo tagtäglich nicht nur
über die ästhetischen Valeurs einer neusachlichen Wedekind-Inszenie-
rung oder eines dramatischen Koloratursoprans oder der Schrittfolge
einer Ausdruckstänzerin ge- und verhandelt wird, sondern und eben
auch im Genre der Buchbesprechung, der Theater- und Musikkritik
über die Werte ge- und verhandelt wird, auf denen der gesellschaftliche
Umgang gründet und die politischem Handeln die Leitlinien ziehen.
Und »Gezänk«, soll heißen das Austragen von Meinungsverschieden-
heiten, ist dabei elementar.
Im August 1928 berichtet Anton Kuh von der Salzburger »Festspiel-
Diplomatie«, der heiklen Mission, zwischen den kosmopolitischen An-
sprüchen von »Max Reinhardts Pensionat der Berühmtheiten« und dem
Pochen der Einheimischen auf »Bodenständigkeit« zu vermitteln.81 Im
Oktober von der Generalprobe, die der »neugegründete österreichische
Fascismus« in Wiener Neustadt hält:82 Für den 7. d. M. rufen die para-
militärischen Verbände der zwei großen politischen Lager, der Republi-
kanische Schutzbund und die Heimwehr, dort zu Großkundgebungen
auf. Zusammenstöße werden durch ein massives Aufgebot von Sicher-
heitskräften – Bundesheer und Gendarmerie – verhindert.
So wie er in den frühen 1920er Jahren verfolgte, was im Deutschen
Reich vor sich ging, beobachtet er nun von Berlin aus besorgt die politi-
sche Entwicklung in Österreich. Bereits nach dem Scheitern der ersten
Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen,
1920, waren die ideologischen Gräben aufgebrochen, hatte sich die
Lager bildung in der österreichischen Innenpolitik verschärft, eng ver-
bunden mit den jeweils zugehörigen Wehrverbänden: dem Republika-
nischen Schutzbund, der an der Kandare des sozialdemokratischen
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien