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Aber auch »kleinere Geister« und sogenannte »kleine Leute« der
»enter’n Gründ’«: Ferdinand Sauter, »Christopher Marlowe in Heuri-
gen-Format«24; der »Betteldichter« Otfried Krzyzanowski;25 Friedrich
Stumpf, »heiligster aller Würstelmänner, der Sie durch Ihre milden
Gaben des Dichters Krzyzanowski Leben verlängerten und uns alle
durch Kriegskredite über Wasser hielten«;26 Mendel Singer, Nestor der
Parlamentsberichterstatter und Freund hochmögender Herren, dessen
»jüdischer Familiensinn der Born unschätzbarer schwarzgelber Staats-
räson« war.27
Kuh läßt Typen wie den Prater-Ausrufer, das k. k. Ballettmädel, das
Schlieferl und den Heurigen-Besucher aufmarschieren (von letzterem
diverse Varietäten). Präsentiert ein Objekt, das in einem Museum »Alt-
österreich« keinesfalls fehlen dürfe, das letzte Hofauto des letzten
Kaisers nämlich, als »Sinnbild einer Jahrtausendgeschichte von netter
Umgänglichkeit«: Kaiser Karl I. stellt dem kranken Victor Adler sein
Auto nicht nur zur Fahrt von Schönbrunn ins Ministerium des Äußeren
und wieder retour zur Verfügung, sondern auch, damit dieser seinen
eben begnadigten und aus der Haft entlassenen Sohn Friedrich, den
Mörder des Grafen Stürgkh, Ministerpräsident unter Franz Josef I.,
vom Bahnhof abholen kann.28 Das alte Österreich erscheint Kuh als ein
»Takt-Staat«, wo »ein unausgesprochener Vertrag« bestand, »nichts auf
die Spitze zu treiben, Kanten auszuweichen«, hier waltete eine »Welt der
Nuancen, wo es auf die tausend Brechungen des Menschlichen und nicht
auf das sture Grad oder Ungrad der Gesinnung ankommt«.29
Wohliger Sentimentalität ist die unmittelbar auf »Das Hofauto« fol-
gende Episode vor, die abgründige, schaurige Geschichte vom Land-
sturmmann Josef Kleinbichler vor der militärärztlichen Konstatie-
rungskommission.30 Und neben den schwelgerischen Hymnen auf die
Unsterblichen stehen ohnehin die um nichts weniger gut getroffenen
Porträts der Unausrottbaren. Jener »oberen Hundert« zum Beispiel,
die »sich in den Rentengenuß aus der G. m. b. H. ›Österreich‹ teilten«
und die sich im Frühjahr 1919 auf »ihre geliebte Schutzinsel am Kohl-
markt, genannt Konditorei Demel«, flüchten.31
Und der dortigen Servierdamen, »noch immer freundlich, ehrbar und
würdig wie Schwestern eines adeligen Damenstiftes«, beglückt von den
»Annehmlichkeiten des Dienens und Dankens« und für das »Jovialitäts-
trinkgeld aus gräflichem Munde« stets mit einem »Hihihi« zu Diensten.
Oder des in der Werktagskluft umgänglichen und jovialen böhmisch-
stämmigen kleinen Hoteliers, der, sobald er im Sonntagsstaat als Schöffe
amtiert – »volle Scherfe«! –, einen Lehrbuben wegen Fahrraddiebstahls
zu sechs Jahren schweren Kerkers »mit Fasttag alle drei Monat« ver-
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien