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In seinem Knieriem sollte ein Typus ein Monument erhalten, in dem
Kuh »das Rettbare, das Unsterbliche, ethnologisch Ewig-Gültige von
Nestroys Posse« sieht: »der politisierende Österreicher (sprich: Ba-
juvare). Lokal und Weltall, Suff und Phrase hängen bei ihm nicht will-
kürlich zusammen, sondern nach einem tief-geheimnisvollen, unerschüt-
terlichen Gesetz.« »In Anlehnung an tausend Heurigen-Originale aus
Wienerwald und Weltgeschichte« entworfen, hatte Kuh im zweiten Akt
eine eigene Szene dafür erfunden. Diese Szene – für Kuh »der wesent-
lichste Punkt der Erneuerung« – war in der Aufführung der Volks-
bühne gestrichen.
Er tröstet sich damit, daß das gute Nestroy-Alte nach der Parole
»Hart!« nicht weniger unkenntlich gemacht wurde – dergestalt sogar,
daß selbst ein Nestroy-Kenner wie der Theaterkritiker der »B. Z. am
Mittag«, Paul Wiegler,22 ein wörtlich aus Nestroy übernommenes Cou-
plet des zweiten Aktes, ein Lied der Laura, als eine »Nummer im Ber-
liner Kabarettstil« bezeichnen konnte.23
Der Vorwurf einer der gewichtigsten Stimmen, der Béla Balázs’, die
Bearbeitung und die Aufführung der Volksbühne sei »ein Tendenzstück
gegen Standpunkt und Gesinnung überhaupt«, weil da vom lieder-
lichen Kleeblatt »Ob rechts- oder linksradikal, das ist egal, das hängt ab
vom Lokal« gesungen werde,24 träfe, wenn denn überhaupt, allenfalls
die Aufführung, keinesfalls jedoch Kuhs Textbuch. Er erledigt sich aber
ohnehin von selbst, weil er, grob fahrlässig, voraussetzt, daß Rollentext
mit imaginierten Anführungszeichen zu lesen und damit die Meinung
des Autors sei. Müßig, den »Sachverständigen« ins Stammbuch zu
schreiben, daß es umso fragwürdiger ist, in Nestroys Figuren
– auch in
den in Monologen und Couplets kommentierenden und räsonierenden
Zentralfiguren – das Sprachrohr des Autors zu sehen, als die Posse ein
Genre ist, das im Dienst der komischen Wirkung in der Figurenzeich-
nung übertreibt, zuspitzt, verzerrt, karikiert, klischiert, typisiert. Der
weite Interpretationsspielraum, der sich eröffnet, verbietet es von vorn-
herein, aus einer Blütenlese von »Aphorismen« und Rollentexten den
politischen Standpunkt Nestroys oder dessen Weltbild oder gar eine
Botschaft, die unter dem Strich vermittelt wird, herausdestillieren zu
wollen.
Über eins kann sich Kuh ganz offensichtlich nicht hinwegtrösten:
daß sich unter all die Sachverständigen, die ihn angepflaumt haben, zu
allem Überdruß auch der Kraus-Adlatus Rolf Nürnberg gemischt hat,
bei dem Kuh
– ganz offenbar nicht zu Unrecht
– argwöhnt, Karl Kraus
habe ihm die Feder geführt. Weil in Berlin schon der Witz kursierte:
»Vom ›12 Uhr Blatt‹ schickt der Kraus den Nürnberg in die Vorstel-
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien