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mehr der Schauspieler Vollbürger wurde, desto schlimmer stand es um
die bürgerliche Kultur. Vollbürger wurde selbst Pallenberg, der harpa-
gonhaft von der Bühne stürzte, seine Rache in die Wirklichkeit schleu-
derte. Wenn die Kultur in Gefahr ist, welches Gut wird zuerst als
bedroht genannt? Das Theater. Als wären nicht alle Kulturgüter in
Gefahr – als hätten wir nicht deshalb kein Geld, weil wir verlernt
haben, an die Güter zu glauben, die wir für Geld kaufen können. Das
Geld verkriecht sich vor den nicht mehr geglaubten Werten. Die Wal-
hall-Brücke von Kant zur Börse, vom kategorischen Imperativ zum
Aktienkurs […] ist zerbrochen. Das Geld berief sich gern auf den
Bücherschrank als Rückversicherung
– aber auch die Bücher sind längst
fort.«31
Mit mehrfachem Vorbehalt32 – »Wenn Anton Kuh spricht, dann
läuft er seinem Thema nach, von dem einmal gefaßten Gedanken spin-
nen sich tausend weitere fort, und wie die Spinne, so webt er sein Ge-
dankennetz um die Materie. Manchmal geht es ihm auch darum, seine
einzigartigen Formulierungskünste zu treiben, koste es, was es wolle.
Dann sagt er, was ihm in den Sinn kommt, mag es nun zum
Thema gehören oder nicht« – gibt die »Wiener Sonn- und
Montags-Zeitung« wieder, was er »ungefähr […] im ausver-
kauften Haus des Theaters in der Josefstadt unter großem
Beifall seiner vielen Freunde gesagt« hat.
»Mein Recht, über die Materie zu sprechen, hat seine Ursache
in der heutigen Zeit, in der der alte Kapitalismus mit seiner
Weisheit zu Ende ist. Seine Sachlichkeit ist auf allen Linien
geschlagen und der Verfemte, Unseriöse wird mit einem Mal zum weisen
Sachverständigen. Es häufen sich in der letzten Zeit Fälle, wo große
Bank- und Finanzsachverständige mich zu Rate ziehen und mich fragen,
was nun aus allen Dingen werden soll. Den Grund, warum man mich
gerade zu Rate zieht, glaube ich zu wissen: man hält mich für den genia-
len Vorfriedensschnorrer, für einen, der die heutigen Zustände an seiner
eigenen Person viele Jahre vorher erlebt hat. Wie fühlt man sich,
fragen jene Leute, wenn man kein Geld hat, um sich für die
künftigen Zeiten vorzubereiten? Wir müssen jetzt, sagen sich
diese Leute, zum ersten Male etwas versuchen, was Anton Kuh
sein ganzes Leben lang gemacht hat: ohne Geld zu leben. / Jetzt
höre ich sogar, daß man aus diesen Erwägungen heraus sich
entschlossen hat, mich in den Wirtschaftsbeirat Hindenburgs
zu ko
optieren. / Zum Thema selbst möchte ich folgendes sagen:
Ich bin auf die paradoxe Tatsache gekommen, daß man, so wie
man nichts auf Erden umsonst kriegt, nicht einmal Geld um- Berlin,
Kurfürstendamm-
Theater,
5.12.1931,
20.30 Uhr:
Warum haben
wir kein Geld?
(Von Kant bis
Patzenhofer)
Mährisch-
Ostrau /
Moravská
Ostrava,
Deutsches
Theater,
16.12.1931,
20 Uhr:
Warum haben
wir kein Geld?
(Von Kant bis
zur Pleite)
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien