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»Weit? … Von wo?«1
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Der »Emigrant in Permanenz« im Exil
In einem Interview drückt Anton Kuh im März 1930 flachsend sein
Entsetzen aus: Er müsse in der Spree-Metropole Einkommensteuer
zahlen! »Die korrekten Deutschen haben nicht daran vergessen. Ich
werde mich aber dafür in entsetzlichster Weise rächen, denn ich gehe
daran, die preußisch-deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben.«2 –
Diese Retourkutsche ist ihm nicht mehr vergönnt.
Kuh trifft am Montag, dem 6. Feber 1933, früh mit dem Nachtzug aus
Berlin kommend in Wien ein, um drei Tage darauf im Mittleren Kon-
zerthaussaal unter dem Titel »Schützet Franz Joseph!« über Kaiser
Franz Joseph als Bühnenfigur und die Hintergründe der Kaiser-Franz-
Joseph-Mode auf dem Theater zu sprechen.
Willi Frischauer von der »Wiener Allgemeinen Zeitung« erklärt er
pointiert, die klaren Verhältnisse in Deutschland der fadenscheinigen
Kulisse in Österreich vorzuziehen: »Ich kann das Gefühl nicht loswer-
den: man spürt draußen bei allem, was los ist, doch mehr die Festigkeit
des Bodens. Sogar die Niedrigkeiten werden mit einer gewissen Korrekt-
heit durchgeführt. Dann gibt es eine Art von politischem Kurszettel in
Berlin, auf dem man sieht, in welche Stadt man fahren kann. Hier herrscht
das Unvorhergesehene. Ich möchte es mit dem Zustand der galizischen
Städte vergleichen, in denen einem der Kot bis an die Knöchel reicht. In
Deutschland war die Polizei zum Beispiel bis vor einer Woche noch eine
republikanische Truppe, in Österreich herrschen Freischärler und keine
Truppe. In einem Land wie Deutschland, wo Friseure und Kellner mit
den Kunden kurz angebunden sprechen, läßt einen sogar der Mangel an
Loyalität fühlen, daß nichts passieren kann. Hier verbirgt sich hinter
einer gewissen Amtsloyalität als Rückseite eine wüste Unvorherseh-
barkeit. / Das alles möchte ich zusammenfassen mit dem Satz: Wenn
schon Reaktion, dann lieber Asphalt und nicht Dreck.«
Kuh kündigt an, eine »österreichische Elegie«, einen Abgesang auf das
alte Österreich anstimmen zu wollen.3 Tags darauf läßt er dementieren,
wovon im Interview die Rede ist: daß er sich in seinem Vortrag über die
aktuellen politischen Verhältnisse verbreiten werde. Er lege vielmehr
auf die Feststellung Wert, daß er grundsätzlich »im Ausland über nichts
öffentlich [rede], was er daheim (das heißt in Deutschland) nicht mit
der gleichen Freimütigkeit aussprechen würde«.4
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien