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das verarmte Nachkriegsösterreich verlassen habe und dem Ruf nach
Berlin gefolgt sei, der in den Wiener Literatencafés laut geworden
sei? – »Neben einer Schar von Allerweltsverbrüderern waren es ein
paar Dutzend schäbiger, dem Judentum entlaufener Gesellen, Abfall-
produkte der jüdischen Großstadtgesellschaft, Wurzel- und Heimat-
lose, denen der Zug nach Berlin zu langsam fuhr. Hier in Wien, riefen
sie kokett, erstickt ein freier Mensch; hier gibt es keinen Raum für
schöpferisches Tun, keine Resonanz. Hier gibt es nur Schnorrer, hier
gibt es nur Lodenpolitiker, die Wien verdorfen wollen; hier ist alles
Provinz, alles Moder, Barockträgheit – nur kein Tempo! Tempo war
das Lieblingswort der Berlinsüchtigen. / Und sie gingen nach Berlin.
Schmierten sich am Theater, Kabarett, an Literatur und Pseudolitera-
tur, an Kritik und Magazin und all dem, was die revolutionär-konser-
vativen Kreise in Deutschland ›Kulturbolschewismus‹ nennen. / Das
Hakenkreuz, das Geist und Ungeist ohne Wahl austreibt, hat uns die
Herrschaften zurückgespült. Das geistige Deutschland ist wieder in
Wien.« – Mit dem Sucus: »Jede Assimilation führt zum Debakel.«13 –
Kuh war indessen der letzte, dem man in dieser Hinsicht Bescheid hätte
stoßen müssen.
Im Gespräch mit Willi Frischauer hat Kuh am 8. Feber noch Galgen-
humor bewiesen und die Situation in Deutschland – bis vor einer Wo-
che
– sarkastisch als »ideal« bezeichnet: »Demokratie unter dem Schutz
von Bajonetten. Deutscher Oppositionalismus, geschützt durch eine
Reichswehrdiktatur.« Mit den Flüchtlingen waren unterdessen jene von
den Nationalsozialisten als »Greuelnachrichten« und »Greuelpropa-
ganda« bezeichneten Augenzeugenberichte über die Ausschreitungen
der »Freigelassenen« gekommen, die jeden Versuch, in Deutschland
persönlichen Heldenmut beweisen zu wollen, als selbstmörderische
Dummheit hätten erscheinen lassen.
Frivol? Vermessen?
– Irgendwo dazwischen wird man die Ankündi-
gung einordnen, Anton Kuh werde seinen am Abend des 14. März 1933
in der Wiener Ravag unter dem ironischen Titel »Der überholte Wede-
kind« gehaltenen halbstündigen Rundfunkvortrag noch im laufenden
Monat bei den Sendern Mannheim, Frankfurt und Stuttgart wieder-
holen. Erst recht, wenn man den Nachsatz zu dieser Meldung in Betracht
zieht: »Damit erübrigen sich die Gerüchte, als ob Kuh, der seit seinem
vor sechs Wochen gehaltenen Vortrag in Wien weilt, unter dem Ein-
druck der deutschen Ereignisse hierhergekommen wäre.«14
Am 29. März reist Anton Kuh aus Wien ab. Auf dem »Meldezettel
für Reisende«, der als »Ordentlichen Wohnsitz« Berlin ausweist, bleibt
das Feld »Wohin?« leer. Damit verliert sich seine ohnehin dünne Spur
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien