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beinahe gänzlich. Gäbe es nichtÂ
– spärlich genugÂ
– karge Aufzeichnun-
gen buchhalterischer Art wie Meldezettel, die Karteikarte im Fichier
Central (dem zentralen Personenregister) der Sûreté Nationale, die
knochentrocken Familienname, Vorname, StaatsbĂĽrgerschaft, Geburts-
ort, Geburtsdatum, Beruf und Aufenthaltsort (Paris) registriert sowie
den Stempel »CARTE D’IDENTITÉ« trägt, Ortsangaben in der Auto-
ren zeile des »Prager Tagblatts« – »Anton Kuh (Paris)«, »Anton Kuh
(London)« –, Passagierlisten für die US-Einwanderungsbehörde, eine
Handvoll klapperdürrer Meldungen von »Pem’s Personal Bulletins«,
kursorische Erwähnungen in Briefwechseln Dritter: das Unternehmen,
wenigstens in Andeutungen einen äußeren Lebenslauf nachzuzeichnen,
mĂĽĂźte vollends scheitern. Dem haben nicht erst die Nazis, die ihn zur
Flucht ohne (großes) Gepäck zwangen, Grenzen gesetzt, sondern auch
er selbst, der ab seinem 17. Lebensjahr ständiger Hotelbewohner war.
Der archivarische Fachausdruck »Splitternachlaß« signalisiert den Um-
fang von Kuhs Hinterlassenschaft in den Beständen des Österreichischen
Literaturarchivs.15 Die Biographie geht so ĂĽber lange Strecken auf in
der Bibliographie.*
Ende März 1933 fährt Kuh jedenfalls von Wien nach Prag. Und
bĂĽndelt seine Beobachtungen in einer der Transitstationen fĂĽr Exilierte
in einer Art physiognomischer Psychopathologie des Emigranten, der
wie ein »Mitspieler auf der Szene des Lebens« wandle, der seinen Text
nicht mehr kenne. Charakteristisch auch »dieser Blick, der eine ange-
nagte Seele zurückspiegelt«, der Eindruck eines »beschädigten« We-
sens, das aus der »Zeitzugehörigkeit« gefallen sei.
Während für den Emigranten die Zeit ein Wartezimmer sei, sei die
weite Welt für »Genossen Ahasver« eine Lehranstalt: »Wohl denen, für
die sie auch das wahre Daheim ist! Den freiwilligen Emigranten, die
ihre Heimat erst finden, wenn sie sie verloren haben!«
* Noch Mitte der 1980er Jahre und bis 2001 wurden Manuskripte Anton Kuhs
auktioniert, gingen in Privatbesitz über und sind damit nicht zugänglich,
darunter acht eigenhändige, unpublizierte Gedichte sowie zwei Briefe
(vier- und dreizehnseitig) der New Yorker Zeit an Jacques Kapralik. Ein
zweiseitiger maschinschriftlicher Brief an Max Brod ĂĽber Kuhs Pariser
Stegreif-Rede »Die Metaphysik als Hausknecht« vom 2.12.1933 ist nicht
zugänglich, weil der Max-Brod-Nachlaß, der nach jahrelangen gerichtlichen
Auseinandersetzungen kĂĽrzlich der National Library of Israel zugesprochen
wurde, gerichtlicherseits noch nicht freigegeben ist. Mit dem 11. Feber 1934
wurde die der Sozialdemokratischen Partei nahestehende »Wiener Allge-
meine Zeitung« verboten, der Kuhs Aktivitäten oftmals eine Meldung wert
waren.
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien