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deutschnationaler und völkischer Kreise, deren haßerfüllte Gegnerschaft
er sich durch seine kritische Einschätzung Paul von Hindenburgs zu-
gezogen hatte, seinen Dozentenposten an der Technischen Universität
Hannover endgültig hatte räumen müssen, hatte Kuh eine böse Vorah-
nung: »Theodor Lessing wird nicht ruhen können, bis er Schule, Haus
und Stadt verlassen hat – und wer bürgt selbst dann für sein Leben?«30
Am Samstag, dem 20. Mai, spricht Kuh auf Einladung des
Unterstützungsvereins für jüdische Hochschüler unter dem
Titel »Die Weltpest oder Die Diktatur der Postbeamten« im
Brünner Dopž-Saal, wo seine Ausführungen »teils mit atem-
loser Stille, teils mit schallender Heiterkeit« aufgenommen
werden;31 am Mittwoch darauf, wieder heftig akklamiert,32 im
Vortragssaal der Prager Städtischen Bibliothek am Marien-
platz.
Ob nun in Brünn – oder anderen regionalen Zentren der Tschecho-
slowakei wie Olmütz, Preßburg, Karlsbad, Teplitz –, Prag oder Wien,
ob unter dem Titel »Die Weltpest«, »Der Geist des Mittelalters, »Die
Metaphysik als Hausknecht« oder »Das konfiszierte Gehirn«: Kuh, der
sich seinem Publikum nach 1933 stolz als »Asphalt literat«* vorstellt,
spricht zur Sache, Tacheles
– wenn auch nicht immer Klartext. Schon im
Dezember 1931 hatte ein Berliner Rezensent anläßlich des Vor-
trags »Warum haben wir kein Geld?« den Wechsel des Kuh-
schen Tenors in die Formel gegossen: »Die Zeiten ändern sich:
Abraham a Santa Clara ist zum Conférencier geworden, der
vergeblich versucht, seiner Gemeinde die Gewalt der Stunde
zu erklären.«33 Und ob er nun – Physiognom der Tonfälle –
vom neudeutschen Wortschatz her dem Geist Nazi-Deutsch-
lands bis ins Innerste leuchtet oder »mit den scharfgeschliffe-
nen Klingen seiner verblüffenden Dialektik, mit hinreißendem
Schwung gekreuzt und mit kabarettistischen Finten pariert«34,
Breschen in die geistesgeschichtliche Unterfütterung der natio-
nalsozialistischen Machtpolitik schlägt
– Stichwort: Mißbrauch Nietz-
sches; ob er, mentalitätsgeschichtlich argumentierend, statuiert, daß
jeder deutsche Soldat seinen Kant im Tornister trage; ob er davor
warnt, naivem Heroismus das Mäntelchen sittlicher Sendung umzu-
hängen; oder vor der Untertanenmentalität und vor dem autonom ge-
wordenen Lakaientum vom Typus des Staats- oder Post beamten, das
nun die Geschicke Deutschlands leite; ob er sich über den Antagonismus
* Ironische Verwendung und Selbstzuschreibung des gegen die urbane Mo-
derne zielenden völkischen Kampfbegriffs. Brünn / Brno,
Dopž-Saal,
20.5.1933,
20 Uhr:
Die Weltpest
oder
Die Diktatur der
Postbeamten
Prag,
Städtische
Bücherei,
24.5.1933,
20 Uhr:
Die Weltpest
oder Die
Diktatur der
Postbeamten.
Von Asch
über Wien nach
Berlin
und zurück
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien