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scher Apostel sei.38 Worauf Daudet seinem »spirituel et aimable con-
frère viennois« zu bedenken gibt, daß Hitler doch vom Nietzscheschen
»Willen zur Macht« inspiriert scheine, aber zugesteht, daß Dumpfheit
und Antisemitismus kein Erbteil Nietzsches sind, und zu verstehen
gibt, daĂź er die Verachtung, mit der Kuh den Nazis begegnet, nicht
teile, und eine Parallele zieht zwischen Adolf Hitler und Martin Luther,
dem – in der abschätzigen Sicht der zeitgenössischen Gegner – »An-
streicher« und dem »geilen Mönch, dem es nicht zugestanden habe,
eine Kirche zu gründen«.39 Worauf wiederum Kuh in seiner Duplik
daran erinnert, was Nietzsche über Luther geschrieben hat: »›Er sei ein
Wildschwein, gewesen, das in die Gevierte der Zivilisation einbrach.‹
Der Anstreicher wĂĽrde Augen machen, wenn er diesem Zitat seines
Leibphilosophen begegnete. Oder es – in dubio – für ›Greuelpropa-
ganda‹ halten.«40
Unter dem Zeichen der Propaganda von »drüben« steht auch Kuhs
Nachbetrachtung der Salzburger Festspiele des Jahres 1933. Die »stahl-
blaue Spätsommerluft« in der Stadt, in der »die alte Zeit ihr leuchtend-
stes Domizil« habe, wirkt auf ihn noch »geheimnisvoller und märchen-
hafter« als je: »der Bahnhof trennt zwei Gegenwelten: schönstes Gestern
und bösestes Heute. Man brauchte sich bloß unversehens in den Geleisen
zu irren oder die Eisenstange zu heben, die den bayrischen Perron ab-
sperrt, und käme ohne Umsteigen aus dem Freilufttheater ins Konzen-
trationslager. Fünf Minuten von Mozart zu Röhm!«
Wenn Ewald Balser in der Max-Reinhardtschen »Faust I«-Inszenie-
rung in der Felsenreitschule, die Schale mit dem todbringenden Trank
zum Mund führend, mit dem Vers »Welch tiefes Summen, welch ein
hoher Ton« innehält, »dann recken sich einige Zuschauerköpfe unwill-
kürlich zum samtblauen, sternenübersäten Nachthimmel, ob dort nicht
wieder ein Flugzeug sichtbar wird, beladen mit Flugzetteln und Auf-
rufen wider Dollfuß, um die papierene Fracht sogleich gemächlich auf
die Häupter hier zu streuen.« Und die »Oberon«-Aufführung vom
28. August im Festspielhaus unter dem Dirigat Bruno Walters – »eine
Deutschheit ohne Kanten und Schroffen, vielmehr angetaut und luftig
gemacht zum Spinnwebengewicht«Â
– inspiriert Kuh wieder einmal zur
Verklärung »des österreichischen Elements«: »Verhält es sich zum Rein-
Deutschen nicht wie die Vegetation zum Programm? Dort leben sie das
Gesetz, die Einstellung, den Vorsatz – hier das Sein. Dort planen sie
glücklos – hier wird alles Atmen zum Glück.«
Salzburg ist ihm »die Hauptstadt der Welt«, ist ihm, auf ein paar
Wochen im Sommer, letztes Refugium der internationalen Gesellschaft
und Kultur; das kleine Café Bazar der »Kalkalpen-Ableger vom weiland
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien