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Witwe‹ im Stadttheater mit den humoristischen Worten angekündigt:
›Ich bin nur ordinär. Wenn Sie Geist und Ordinärheit hören wollen,
müssen Sie übermorgen zu Anton Kuh gehen!‹ Das große Interesse,
welches diesem einmaligen Vortagsabend entgegengebracht wird, läßt
auf einen vollen Saal schließen und empfiehlt es sich daher, Karten im
Vorverkauf beim Friseur Urban im Kurhaus zu sichern. Preise der
Plätze von 6 bis 28 Kč.«55 Der Begleittext: »Gedrängt durch die Verhält-
nisse, macht sich überall im Sudetendeutschtum ein neuer Kulturwille
bemerkbar. Aber die Gegner sind am Werke und suchen alles Echte und
Gesunde durch einen volksfremden Geist zu zersetzen. Das Sudeten-
deutschtum will mit solchen internationalen Kulturschleichhändlern
nichts zu tun haben.«56
Obwohl er sich der Ohnmacht des Wortes vis-à-vis nackter Gewalt
bewußt ist, veröffentlicht Kuh weiterhin unverdrossen Satiren auf die
Sprachverhunzungen der Chargen des »Tausendjährigen Reichs«, das
die Wirklichkeit redigiert, »als wäre sie die Pfingstbeilage zum ›Rum-
burger Wochenblatt‹«57, im Prager »Simplicus«, der für den »gleich-
geschalteten« Münchner »Simplicissimus« in die Bresche springt, sowie
im Nachfolgeblatt »Der Simpl«; schreibt er für das »Prager Tagblatt«
bis zum August 1937 weiterhin neben politischen Kommentaren und
vereinzelten Theater- und Musiktheaterkritiken auch launige Betrach-
tungen des Pariser Alltags aus der Perspektive des Zugereisten
– letztere
oft nachgedruckt in resp. übernommen aus der größten Tageszeitung der
deutschsprachigen Emigration in Frankreich, dem »Pariser Tageblatt«,
und dem Nachfolgeblatt, der »Pariser Tageszeitung«
–, die selbstironi-
sche Beobachtung etwa, daß hier »das Radebrechen der französischen
Sprache auf Frauenohren keinen erotischen Reiz übt« oder »daß es für
einen distinguierten Ausländer kein größeres Malheur gibt, als ›Kuh‹
zu heißen«58; über das Staunen des Kontinentaleuropäers angesichts
Londoner Art und Spleen, den Kulturbetrieb und das steife Gesell-
schaftsleben in der britischen Metropole; rauft er sich die Haare über
das britische Währungs-, Maß- und Gewicht-System, dem die Ludolf-
sche Zahl Pate gestanden sein müsse, und fragt er sich, ob es der geheime
Sinn dieses Verwirrspiels um die »krummen Zahlen« sei, »den Konti-
nental-Europäer nur mit möglichst viel Mühe ›hereinzulassen‹«59.
Ab Juli 1934 schreibt Kuh wieder regelmäßig für die (inzwischen)
»Neue Weltbühne«, die ihren Redaktionssitz nun in Prag hat, und das
zuallererst als Physiognomiker von hohen Graden. Bereits im September
1933 empfiehlt er sich als oberster Sachverständiger einer zu gründen-
den »physiognomischen Polizei«, der die Mörder, die das NS-Regime
den vor ihm Geflohenen selbst noch im Ausland an die Fersen heftet,
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien