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ordnete »Eintopfsonntag« – habe als »Speisekarten-Manifestation der
Weltgeschichte« physiognomische Wirkungen gezeitigt: das säuerlich
verhärmte Eintopfgesicht: »Mittendrin ein fleischiger »wesen- und cha-
rakterloser Knollen […], der zwei nackte Löcher in die Welt steckt«,
gern mit ein bißchen Bart drunter: die Plebejernase.69 Weil eben unter
dem NS-Regime der Besitz eines »Originalgesichts« ein Delikt ist, ein
Abweichen von der Uniformität, dem mit Argwohn begegnet wird.70
Mit dem dezenten Hinweis, man höre vielleicht ohnehin das »r« in
der zweiten Silbe mit, das aus dem Eigennamen des Reichsstatthalters
von Thüringen einen Gattungsnamen mache, leitet Kuh seine Betrach-
tungen zu den Sauckels ein, die – Vater, Mutter, neun Kinder – im
»Illustrierten Beobachter« vom 9. September 1937 als nationalsozialisti-
sche Vorzeigefamilie eine ganze Bildstrecke bestreiten dürfen. Und da
im »Land der Kerrle« Namen kein Zufall, sondern ihren Trägern aus
dem Gesicht gerissen sind (oder aus dem Schlund gewürgt: etwa die
»Rülps-Interjektion: ›Bürckel!‹«71), blickt Sauckels Antlitz »wie aus
Wurst und Kohl geknetet« über die breite Hakenkreuzbinde auf dem
Oberarm.72
Am 24. November 1936 wird Carl von Ossietzky, nach dreieinhalb
Jahren »Schutzhaft« in den Konzentrationslagern Sonnenburg und
Esterwegen bereits todkrank, der Friedensnobelpreis für 1935 zu-
erkannt – in den Augen des NS-Regimes eine »deutschfeindliche De-
monstration«. Im Anschluß an eine dreistündige Rede Adolf Hitlers
vor dem Reichstag am 30.1.1937 gibt Hermann Göring die Stiftung des
»Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft« bekannt, die
Hitler verfügt, »[u]m für alle Zukunft beschämenden Vorgängen vor-
zubeugen […]. Die Annahme des Nobelpreises wird damit für alle
Zukunft Deutschen untersagt« (Erlaß vom 30.1.1937). Kommentar
Anton Kuh: »Der Ignoble-Preis hat seinen Einstein gefunden … im
Ausschreiber.« Und zwar für ebendie Rede vom 30. Januar, in der »his
Hausmaster’s voice« wieder einmal »ihren Kernspruch aus der Zeit des
Meidlinger Obdachlosenasyls: ›Jud, Jud!‹ als Galileisches: ›Eppur si
muove …!‹« verkündete.73
In Wien ist Kuh immer wieder zu Gast – mehr nicht. Er flieht die
Atmosphäre des »Ständestaats«. Die parlamentarische Demokratie hat
schon 1933 ein Ende gefunden, als die Koalitionsregierung aus Christ-
lichsozialen, Landbund und Heimatblock, die nur über eine hauch-
dünne Mehrheit im Nationalrat verfügte, unter der Führung Bundes-
kanzler Dollfuß’ eine Geschäftsordnungspanne, den gleichzeitigen
Rücktritt aller drei Präsidenten des Nationalrats, dazu benutzt hatte,
das Parlament staatsstreichartig auszuschalten und ab 15. März auf
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien