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sitzen auf erhabenem Stuhl im Landesgericht und im Justizpalast, es sind
die Freisprecher von früher.« Walther Rode, rechtzeitig in die Schweiz
emigriert, habe mit seiner Vorhersage recht behalten: »dass Österreichs
Beamte (deren es nachweisbar um eine gute Hälfte zuviel gibt), nachdem
sie dem Staat einmal das Mark herausgefressen und seine politischen
Giftsäfte auf alle Art begünstigt hätten, dereinst selber ans Werk schrei-
ten würden, um der Zivilisation und Ordnung im Lande den Garaus zu
machen. Denn diese Beamten sind zum grössten Teil ihrer Herkunft
nach gar nicht Österreicher, ihnen liegt an dem Geist toleranter Fried-
lichkeit nichts, der dem Volk von Wien tief im Blut sitzt, sie stammen
aus Hitlers Landen, seiner Wahl- und Hirn-Heimat: aus den sudeten-
deutschen Gebieten. Dort wurde lang vor Hitler der Nationalsozialis-
mus geboren, von dorther füllt sich in Wien alljährlich das Reservoir des
sogenannten akademischen Nachwuchses auf, von dort kommt in Kurz-
hosen und Windjacke der nationale Gesinnungsträger anmarschiert«.77
Daß die ganze Aktion in Berlin angezettelt worden war, darüber be-
steht für Kuh ohnehin kein Zweifel.
Mit einem offenen Brief reagiert Kuh, als ihm zu Ohren kommt,
Franz Werfel könne der These der Ende Juli 1934 erschienenen »Fackel«
Nr. 890-905 etwas abgewinnen, in der Karl Kraus auf 313 Seiten dartut,
»Warum die Fackel nicht erscheint«: »die Wiener Sozialdemokratie sei
zu schwach gewesen, die Sache gegen die große Barbarei zu halten«, also
habe sie freiwillig dem »geringeren Übel« weichen müssen. »Daß das
›geringere Übel‹ dem ›größeren‹ vorzuziehen ist, ist nur eine Weisheit
für Schweigende. Der Redende hat das Übel zu nennen, das kleinere
noch bedingungsloser als das größere. Er hat zu sehen, nicht zu son-
dern. Er hat es, kurz gesagt, seiner Dialektik im Schutz des geringeren
Feindes nicht gut gehen zu lassen.«
Aufgebracht über »diese vierhundertseitige Kabbala der hochge-
putschten Feigheit«, wirft er Werfel vor, seine Haltung sei »durch die
väterlichen Fabrikseinnahmen mehr bestimmt als durch die Menschen-
liebe«, und zieht, den kleinen Unterschied, daß »der eine unter dem
Niveau der deutschen Sprache Papier kaut und der andere über ihm«,
beiseite gesetzt – »Jener noch um Subjekt und Prädikat bangend und
dieser bereits auf den Zinnen der Spitzfindigkeit« –, einen Vergleich,
der, mag seine psychodynamische Motivation auch nicht gänzlich ab-
wegig sein, doch nicht bloß aufs erste unangemessen wirkt: »Im Ver-
trauen: können Sie sich nicht alle beide, den Deutschböhmen, der in
Berlin, und den anderen, der in Wien thront, den, der an sudetendeut-
schen, und den, der an liberalen Leitartikeln sich entzündete, als Mit-
schüler desselben altösterreichischen Untergymnasiums vorstellen,
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien