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Klavier plus Gletscher nicht ganz unschuldig ist. Es war ĂĽbrigens leicht
zu erraten. Ein Pianino auf einen Gletscher steigen zu lassenÂ
– auf einen
solchen Einfall kann nur ein Asphaltliterat kommen.«3
Auf der Biennale soll heiĂźen: Filmkunstausstellung in Venedig lief
der Film Ende August 1936, wurde am Lido auch mit einer Medaille
ausgezeichnet, die ihm indessen nicht den Weg in die Kinos ebnete.
Anfang September führte Friedrich Fehér »Die Räubersymphonie« in
Wien in einer Nachtvorstellung einem kleinen Kreis von Fachleuten
vor,4 weitgehend unbeachtet, sieht man von einer begeisterten Bespre-
chung in einer Musik- und Theaterzeitung ab.5
1936 – 1938
»Hamlet – Nero vor der Thronbesteigung«, das ist, der einzigen Be-
sprechung zufolge, die Quintessenz und Pointe einer fĂĽnfviertelstĂĽndi-
gen Rede, die Kuh unter dem Titel »Hamlet oder Das Genie auf dem
Tandelmarkt« am 30. Oktober 1936 im Wiener Konzerthaus
hält, in der er »die tragische Flucht des Geistes vor der Bürde
der Macht packend darstellte. Hamlets richtigste Aufgabe und
Erfüllung seines Wesens wäre gewesen, Shakespeare zu sein, der
den Hamlet schreibt, statt sich in dem sinnlosen Schicksalsauf-
trag zu verbluten.«6
Der Rezensentenpflicht stellvertretend nachkommend, prä-
zisiert Kuh: »Kuh schilderte im ›Hamlet‹ die Tragödie des ehr-
geizlosen Hochgeborenen, der in dieser Welt als Schopenhauerscher
Zuschauer stehe und ›zuviel wisse‹, um in ihr Lust nach Aktion zu ver-
spüren; seine Erlösung wäre es, den Hamlet wenn nicht: shakespearisch
zu schreiben, so wenigstens zu spielen (wie Nero Theater gespielt hat),
um den ›Albdruck des Daseins auf berauschende Art loszuwerden‹.
Und das tue ja Hamlet in der Tat. Er steheÂ
– anders als es Theaterdirek-
toren und Schauspieler glauben – jenseits von Gut und Böse, worauf
nämlich geborene Prinzen ein Recht haben. So sei er ein Zwillingsbruder
des jungen Nero, der – nach Suetonius – vor der Machtergreifung
ebenfalls eine Hamlet-Natur war. Ist es ein Zufall, daĂź der
Stiefvater und Vorgänger gleich dem Hamlets den Namen Clau-
dius trage? Daß Hamlet zur Mutter in ähnlichem verdrängtem
Gelüstverhältnis stehe wie Nero zu der seinen? Daß er den
Polonius neronisch bestrafe, wie Nero seinen Morallehrer
Seneca gestraft hat – der notabene in den Pflichtregeln des
Polonius an seinen Sohn seine geistige Spur gelassen habe? …
Fazit: den Geist graut immer vor Ergreifung der Macht. Und Wien,
Konzerthaus,
Mittlerer Saal,
30.10.1936,
19.30 Uhr:
Hamlet oder
Das Genie auf
dem
Tandelmarkt
PreĂźburg /
Bratislava,
Gremiumsaal,
26.11.1936,
20 Uhr:
Hamlet und
Faust
oder Das Genie
und der BĂĽrger
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien