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lich heißen Abends im Großen Saal der Städtischen Bücherei einfindet,
dem zwei Stunden hindurch zum Thema stegreifenden Anton Kuh
langanhaltenden Beifall. Darin verzichtet der »attraktionelle
Lieblingsredner intellektueller Publikumsschichten« strecken-
weise auf das gewohnte blendende Feuerwerk an Witz und
Esprit, »da er vorwiegend auf die Kennzeichnung der Gegen-
wartssituation, auf die Unterscheidung zwischen dem Demo-
kratentypus und der faschistischen Machtrausch-Erscheinung
lossteuerte. […] Man hörte glänzende Formulierungen über
die Anhänger einer Weltanschauung, die den Menschen vor-
aussetzt, der eine Denkfunktion zu erfüllen in der Lage ist und
einer Politik der Unterordnung, die auf den selbständigen Men-
schen verzichtet.« Das Fazit, das der Rezensent des »Prager Mittags«
über den »gesinnungsstarken Vortrag« zieht: »Man behielt den Wunsch,
den bemerkenswert mutigen Vortrag, von überflüssigen Extravaganzen
befreit und auf Kernpunkt zusammengedrängt, in Broschürenform zu
lesen.«11 In dieselbe Kerbe schlägt »Die neue Weltbühne«, die, »nach
Kuhs Gedächtnisprotokoll«, eine Episode aus dem »grandiosen Vor-
trag« abdruckt, seine Einlassungen zum »Grundwesen fascistischer
und namentlich nationalsozialistischer Geschichtswerdung; nämlich
die unfehlbare, über die noch ›sittlich gehemmte‹ Umwelt notwendig
triumphierende Verschwörer-Methode, das ›Ereignis‹, womit man die
Welt eines Tages überraschen wird, bereits fertig auf dem Papier stehen
zu haben und daraus rückläufig alle die Handlungen zu schöpfen, alle die
Verneblungen vorzunehmen, alle die Lügen auszusprechen, die diesem
vorausbestimmten Endgeschehen biegsam voranzugehen haben. […]
Die Methode: zuerst das über jegliches Europa-Hemmnis, über Wahr-
heit und Unwahrheit hinwegstolpernde Endereignis festlegen, also: das
Communiqué, in dem später von der Niedertracht der Umwelt, den
heiligen Notwendigkeiten, dem
– Gott ist unser Zeuge!
– reinen Willen
der Regierung die Rede sein wird, zum Druck befördern – und dann
rückfolgernd, mit der Logik, die das Endergebnis den Voraussetzungen
aufzwingt, bald an Europa angepasst, bald zu ihm in Widerspruch, bald
als brav und friedenswillig verkleidet, bald zürnend und kreischend,
alle die feineren und gröberen Fälschungen veranlassen, die später ein-
mal ›Geschichte‹ heissen werden
– ich erkenne diese Methode in jenem
Zeitungserlebnis wieder. Sicherlich ist dem sarkastischen Conférencier
des Dritten Reichs, wenn er mit ›Oho!‹ und ›Hehe!‹ gegen Widersacher
auftrumpft, so wenig bekannt, wie er sein Recht später ›belegen‹ wird,
wie ich damals unser ›Material‹ kannte; aber ebenso sicher kennt er den
Endeffekt voraus und richtet Germanias Verhalten danach ein. Man
Prag,
Städtische
Bücherei,
25.5.1937,
20 Uhr:
Was muß der
Demokrat vom
Fascismus
wissen? oder
Wie überlebe
ich das Jahr
1937
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien