Page - 248 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Image of the Page - 248 -
Text of the Page - 248 -
Fensterausblicks lehnt und zirkelnd den Leser fi-
xiert, auch seinen Assistenzfiguren (die funkti-
onalikonologisch den „assistierenden“ Büchern
der Paduaner Gelehrtendenkmäler entsprechen)
sind jedoch keinerlei Bücher abstrakten Wis-
sens attribuiert, sondern konkrete Gerätschaf-
ten eines zünftig bauplanenden und -realisieren- den Wirkens. Höchstwahrscheinlich vermochte
er selbst nicht einmal jene griechischen Schrif-
ten zu deuten, welche den Schmuckbändern
oben und seitlich des Wappens der Farnese, sei-
ner Fördererfamilie, eingewebt sind. Der Buchin-
halt, durch und durch in Kupfer gestochen, ist
baumeisterlich pragmatisch, konzentriert sich auf
die graphische Darstellung grundlegender archi-
tektonischer Verhältnisse und erläutert deren An-
wendung im jeweils knappen Text unter Verzicht
auf theoretische Auslegung oder geschichtliche
Herleitung. Im Falle Vignolas wandelte sich na-
turgemäß erst mit dem Todesjahr 1573 das Titel-
porträt zum eigentlichen Denkmal; so gravier-
te man ihm unter Verwendung der originalen
Erstausgaben-Titelkupferplatte anläßlich einer
wiederum undatierten Ausgabe die Lebensda-
ten sowie das erreichte Alter von 66 Jahren bei
und widmete das zu Lebzeiten genommene und
verbreitete Bildnis hierdurch um zum Epitaph.26
(Abb. 11) Das Bild des Autors, mit dem Titel ver-
woben und durch ihn selbst auf – wie sich zeigen
sollte – ewig mit seinem hilfreichen Vademecum
auch für den „ungebildeten“ Baumeister verbun-
den, sollte über zahlreiche Ausgaben bis ins frü-
he 19. Jahrhundert dasselbe bleiben. Es änderten
sich die gegebenenfalls beigegebenen Wappen, es
mutierte die Rahmenarchitektur, im seitenver-
kehrenden Nachstich blickte er manchmal nach
links statt wie ursprünglich rechts – doch der In-
halt blieb weitestgehend so identisch wie das Ver-
fasserbild diesem verknüpft. Sein Zirkel als Aus-
weis der Planungskompetenz wurde zum Vorbild
für Bildnisse von Architekten und artverwandten
Berufen überhaupt.27
Abb. 11: Vignola, Regola delli cinque ordini d’architettura,
1562 oder 1563/nach 1572. bernd
ernsting248
25 Regola delli cinque ordini d’architettura di M. Iacopo Barozzio da Vignola, o. O. (Rom), o. J. (1562 oder 1563), Titel
(Kupferstich) von unbekanntem Künstler. Vgl. zur Abb. 11 die posthume Ausgabe, wie Anm. 26.
26 Regola delli cinque ordini d’architettura di M. Iacopo Barozzio da Vignola, o. O., o. J. (identisch mit der Ausg. von
1562 oder 1563; wie Anm. 25), o. J. (nach 1572), Titel (Kupferstich) von unbekanntem Künstler, unter Beigravur der
Lebensdaten.
27 Z.B. der premier jardinier du Roy Claude Mollet d. Ä. (1557–1647): Le jardin de plaisir, […]. Composé & divisé en
onze chapitres par André Mollet, […], Stockholm 1651, Kupferstich von Michel Lasne (vor 1591, oder 1595–1667)
zwischen Widmung und Vorrede. – Auch der Holzbildhauer Giovanni Battista Montano (1534–1621): Giovanni
Battista Soria, Li cinque libri di architettura di Gio. Battista Montani Milanese, Rom 1684, S. (7), Kupferstich
Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
back to the
book Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa"
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken