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182 Dieurbanen„Busentempel“alsMöglichkeitsräume
DasMotiv„jüdischenReisens“besitzt eine langerealeundfiktiveTraditi-
on.Eswurdevielfach inderLiteraturaufgegriffenundhatsicheinmalmehr
imKontextderMassenmigration ineinenToposverwandelt.16 Sovieleun-
terschiedlicheGründe(Umher-)Reisenhabenkonnte, sovielschichtig (und
nichtausschließlichpositiv)warendieBilderüberReisende,Umherfahrende
undMigrierende.17Wieder„CommisVojageur“ indemTaufsteinschenStück
reistenVolkssänger*innenundEnsemblesum1900zwischenStädten.Auch
siewaren „gemeineReisende“ unddie Praxis desReisens beeinflusste ihre
AufführungenunddasAufgeführte.Es istdahernichtweitererstaunlich,dass
siedasPhänomen„Reisen“oftinStückenoderLiedernaufgriffen.Dabeiwurde
„Reisen“mannigfaltigaufgefasst.
ImgegenwärtigenDenkenist„Reisen“häufigmiteinemOrtswechsel,üb-
licherweisezuErholungszwecken,verbunden.Reisen istaberauchPraxis in
Migrationsprozessen.18Eskannauch,wie imFalldesReisendenimerwähnten
StückundimAlltagvielerKünstler*innenum1900,derProfessiongeschuldet,
alsoberuflichbedingt, sein.19 IndenStückenkonntederdynamischeCharak-
ter desUnterwegsseins ebenso zumKatalysator geistigerBeweglichkeit des
Publikumswerden.GemeinsamwardenStückenundLiedern,dass sie,un-
terschiedlich interpretiertundinszeniert, aufdasReisenrekurrierten.Obals
tatsächlicherWechselvonphysischenOrtenoder imSingenundNachdenken
darüber –Reisen eröffnete einenhochreflexivenRaum. Es ist gewisserma-
ßendasbewussteErlebeneinesSchwellenzustandes.Diepostcolonial studies
beschreibenAushandlungenderartigerSchwellenzuständealseinAuseinan-
dersetzenmiteinem„Dazwischen“.20Diesem„Dazwischen“wirdbesondere
BedeutungfürdieKonstitutionvonKulturenzugeschrieben.DerKulturwis-
senschafterHomiBhabha, inderAntwortdarauf,woKulturenentstehenund
ausgehandeltwerden,verortetdies indenZwischenräumen:„[…]in-between
16 Esseinurkurzaufdiebekannten jiddischenErzählungenScholemAlejchems, JizchokLeib
Perez‘oderetwaJosephRoths JudenaufWanderschaftverwiesen.Zudenunterschiedlichen
Sujets „jüdischerReisen“ siehe imAllgemeinenDeKovenEzrahi, BookingPassage; sowie
darinByTrain,byShip,bySubway,103–130.
17 Korbel, Reisen inWienerVolkssängerstücken: Ähnlichkeit als Analysekategorie jüdisch-
nichtjüdischerBeziehungen, in:NorbertHonsza,PrzemysławSznurkowski (Hg.), Identitäts-
diskurs imdeutsch-jüdischenDialog(FrankfurtamMain,Bern,Bruxellesu.a.:PeterLang,
2017),189–204.
18 Schlör, „SolangewiraufdemSchiffwaren,hattenwireinZuhause“,226–246.
19 JamesCliffordbetontedieBedeutungdesHinterfragensunterschiedlicher,wieeresnennt,
„KulturendesReisens“. JamesClifford, TravelingCultures, in: LawrenceGrossberg,Cary
Nelson, PaulaA.Treichler (Hg.), Cultural Studies (London,NewYork:Routledge, 2009),
96–112.
20 PeterBurke,CulturalHybridity (Cambridge:CambridgeUniversityPress,2014).
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Title
- Auf die Tour!
- Subtitle
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Author
- Susanne Korbel
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 272
- Category
- Kunst und Kultur