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(Jüdischer)HumorundÄhnlichkeit 203
dereinevölligeUnterscheidbarkeitnocheinegänzlicheAngleichungzwischen
ihnengibt“.88
WasbedeutetdanneinErkennenvonÄhnlichkeit fürhumorvolleAusein-
andersetzungenmit Jüdisch-Sein?VielederGruppenspieltenmitkulturellen
ArtikulationenvonJüdisch-SeinebensowiemitantisemitischenStereotypen.89
Wiekanndasverstandenwerden?WienutztendieAutor*innenundSchauspie-
ler*innenDifferenzerfahrungendesPublikums?DieTheaterwissenschafterin
EvaKrivanec illustriert, dassAntisemitismusbewusst zurVerhöhnungvon
Antisemitenbenutztwurde.90Hödlschreibtdazu,dass jüdisch-nichtjüdische
VolkssängergruppensogarantisemitischenDiskursfigurenvölligneueKonno-
tationenhinzufügtenundihrenegativeCharakteristik insPositivewandten.91
WennjüdischeundnichtjüdischeVolkssänger*innenmitvermeintlich jüdi-
schenAusdrückenspieltenoderstereotypdargestellte„jüdischeCharaktere“
mimten,erfülltediesdieunterschiedlichstenFunktionen.Esdienteabernicht
der Schaffung einer totalenOpposition zwischen Jüdinnenund Judenund
NichtjüdinnenundNichtjuden.BetreffenddenEinsatzvonSchmähhebtdie
LiteraturwissenschafterinSabineMüllereinerseitsdieMöglichkeitzurIdenti-
tätsbehauptung,undanderseits seineFunktionzum„lachendenAushandeln“
mit „offenen“Möglichkeiten zumHandlungsanschluss hervor. Insbesonde-
re fürden(Wiener)„Schmäh“konstatiertMüllereinegrenzwertigeStellung
zwischen„Fremdenfeindlichkeit“und„Fehlerfreundlichkeit“.Müllerbezieht
diesbereitsaufHugovonHofmannsthal,der ineinerRedehervorstrich,dass,
beiallerHeftigkeitderAussagen,derHumorauchimmermiteinergewissen
„zwinkerndenSelbstironie“ einhergehe.92Der „Schmäh“operieremit einer
Identifikation–jüdisch,männlich,weiblich,nationaletc.–zunächst so,dass
siealsdifferentundausschließlichbeianderenwahrgenommenwird.Dann
lässtderSchmähdiegleiche–vermeintliche–Differenzauch im„Eigenen“
auftauchen.DamitknüpfendieÜberlegungenanFreudsAnalysederFunktion
vonWitz,KomikundHumoran.„Schmäh“,AmüsementundHumorbauen
indiesemSinnedieBrückezwischendenbeidenPositionen: Sie führendie
88 Hödl,ZwischenWienerliedundDerkleineKohn,187.
89 Korbel,PopulärkulturundAntisemitismus,17–37.
90 EvaKrivanec, „Krankundwiedergesundgelacht…“: JüdischesUnterhaltungstheater inWien
undBerlinzwischen1910und1918, in:ChristineHaug,FranziskaMayer,MadleenPodewski
(Hg.),Populäres Judentum:Medien,Debatten,Lesestoffe(Conditio Judaica76,Studienund
Quellenzurdeutsch-jüdischenLiteratur-undKulturgeschichte) (Tübingen:MaxNiemeyer
Verlag,2009),103–120.
91 KlausHödl, „‚DerkleineKohn‘on the JewishStage:PerformativeStrategies toFightAnti-
SemitisminViennaaround1900“,LeoBaeckInstituteLondon–ReportofActivities60,no.1
(2015):123–140.
92 Müller,Tractatus, „Schmäh“undSprachkritik,229–254.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Title
- Auf die Tour!
- Subtitle
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Author
- Susanne Korbel
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 272
- Category
- Kunst und Kultur