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Beziehungenunddas Intime 217
andererMännergegenüberImmigrantinnen.126DieIntention,diedensoge-
nannten„Hosenrollen“ zugrunde liegt, kann imSinne einerbestmöglichen
AneignungmaximalerGeschlechterdifferenz interpretiertwerden. InHosen-
beziehungsweiseKleiderrollenwollendieSchauspieler*innendiesogenannte
„Kopiedes ‚Anderen‘“bestmöglichdarstellenundalsmöglichstähnlichver-
kaufen;umdanndieÄhnlichkeit (gegebenenfalls) inderInszenierungbewusst
brechenundalsDifferenzdarstellenzukönnen.
NebenArmutundProstitutionmachteThomashefskydieVorliebenderBe-
wohner*innender„Jewtown“zumThemadesStückes.Damitbrachteer,neben
ArmutundProstitution inderStraßensängerinnenszene,auchdieBedeutung
vonUnterhaltungimAlltagaufdieBühnedesPeople’sTheatre.DasStück ist
TeilderTheaterszeneundbenutztdieCharaktere,umüberdiePopulärkultur
zureflektieren.Einerseits, indemesdenEinflussvonMigrationaufdieUn-
terhaltungsszene anspricht, andererseits aber vor allem imHinblickdarauf,
wiediejenigen,die sichdamitdenLebensunterhaltverdienenmussten,negativ
beäugtwerden.Das Stück zeigt nämlich,wiedie sogenannten „Edlen“ (der
TeilderNewYorkerBevölkerungohneMigrationshintergrund)sichüberdie
Künstlerinnen in den Straßen, auf ihrenWegen in dieTheater, wo sie sich
sodannvonihnenunterhalten ließen,äußerten.
SomitkanndiezweiteErzählebenealsVerweisaufdieSituationdesPubli-
kumsvorundnachdenAufführungengelesenwerden.Als gewissermaßen
realeErzählweltwirdselbigesubversivgenutztundgibtdensonstnuralsUn-
terhaltungsfaktorenwahrgenommenAkteur*inneneineStimme.127Denndie
TheaterundMusicHallsanderBowerywurdennichtausschließlichvonMi-
grant*innenbesuchtunddieStückekonntenalsSprachrohrderMigrant*innen
fungieren.DieBesucher*innenohneMigrationshintergrundsind imStückals
„Edle“dargestellt. ImzeitgenössischenDiskurskritisiertensiediePopulärkul-
turmeist undnahmendieAkteur*innenkaumbis garnicht als Individuen
wahr.DieausderPerspektiveFlorendinserlebteErzählung imStückmacht ihr
Schicksal zumTeil einer Ich-WahrnehmungdesPublikumsundsozueiner
erlebbarenÄhnlichkeit.DerRaumderAufführungermöglichteinStatement
126 FürdiesesReflektierenüberalteundneueTraditionenundRollenvorstellungenbotendie
NewYorkerBühnenviel längerRaumalsdieWiensundBudapests.Einederbekanntesten
InszenierungendesRollenwechselnsistverbundenmitderSchauspielerinMollyPicon.Siehe
Kapitel3.
127 GayatriChakravorty-Spivak,CantheSubalternSpeak?PostkolonialitätundsubalterneAr-
tikulation,mit einerEinleitung vonHito Steyerl (Es kommtdarauf an6) (Berlin,Wien:
Turia+Kant2014)., 12–16.ZuminkludierendenPotentialvonTransferprozessenzwischen
sozialenGruppensieheKatharinaScherke,KulturelleTransferszwischensozialenGruppie-
rungen, in:FedericoCelestini,HelgaMitterbauer (Hg.),Ver-rückteKulturen:ZurDynamik
kulturellerTransfers (StauffenburgDiscussion22)(Tübingen:Stauffenberg,2011),99–116.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Title
- Auf die Tour!
- Subtitle
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Author
- Susanne Korbel
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 272
- Category
- Kunst und Kultur