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46 | Eva Tropper
nen? Inwiefern prägt das Verhältnis der Sprachen, ihr Nebeneinander, die Domi-
nanz der einen oder der anderen oder das exklusive Verwenden nur einer Sprache
eigentlich die Wahrnehmung dieser Orte?
Im vorliegenden Beitrag möchte ich versuchen, die Aufmerksamkeit auf die
Ebene gedruckter sprachlicher Setzungen auf Postkarten zu lenken und eine Me-
thodendebatte anzuregen, wie diese Ebene bei der Beforschung mehrsprachiger
historischer Regionen genutzt werden kann. Dabei verfolge ich die These, dass
sprachliche Aufdrucke auf Postkarten – vergleichbar mit visuellen Diskursen –
mitnichten die „historische Wirklichkeit“ einer gegebenen Region abbilden, son-
dern – auf sehr unterschiedliche Weise – einen „sense of place“ mitgestalten, der
durchaus historisch wirkmächtig ist. Meine Beispiele werde ich in der Folge aus
dem Materialbestand des FWF-Projekts „Postcarding Lower Styria“ ziehen.3 Als
ein einfaches Beispiel zum Einstieg kann ein Ort wie Pragersko/Pragerhof dienen:
Ein Ort im genuin mehrsprachigen Gebiet in der Mitte des historischen Kronlan-
des Steiermark, das bis 1918 Teil der Habsburger Monarchie war, gelegen an der
Südbahn, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Region auf neue Weise er-
schloss. Ein kleiner Ort, von dessen 610 Einwohnern im Jahr 1910 im Zuge der
Volkszählung 296 deutsch und 249 slowenisch als ihre Umgangssprache angaben
– eine gemischtsprachige Bevölkerung also, wie auch in vergleichbaren Orten die-
ser Region.4 Man würde sich also, wenn es darum geht, sprachliche Phänomene
im Aufdrucktext von Postkarten zu untersuchen, eine entsprechende Gemengelage
erwarten. Doch jene 70 verschiedenen Postkartenmotive von Pragersko/Prager-
hof, die wir in insgesamt 9 Sammlungen im Rahmen unseres Forschungsprojektes
durchgesehen haben, sind ohne Ausnahme deutsch bedruckt.5 Sie zeigen den
Bahnhof (Abb. 1) und die daneben gelegene Bahnhofs-Restauration, die „Süd-
bahn-Häuser“, das Schloss und die „Thonwarenfabrik“ von Franz Steinklauber,
aber auch die einen deutschsprachigen Namensgeber tragende „Rosegger-
3 Das FWF-finanzierte Forschungsprojekt „Postcarding Lower Styria. Nation, Language,
and Identities on Picture Postcards (1890–1920)“ war von 2016–2019 am Institut für
Slawistik der Universität Graz angesiedelt, vgl. https://postcarding.uni-graz.at/de/ Die
in der Folge gezeigten Postkarten sind im digitalen Archiv POLOS einsehbar
https://gams.uni-graz.at/context:polos
4 Spezialortsrepertorium von Steiermark. Bearbeitet auf Grund der Ergebnisse der Volks-
zählung vom 31. Dezember 1910, hg. von der K. k. Statistischen Zentralkommission,
Wien 1917, S.103. Zu einer kritischen Diskussion des Zensus vgl. z.B. Wolfgang
Göderle, Zensus und Ethnizität. Zur Herstellung von Wissen über soziale Wirklichkeiten
im Habsburgerreich zwischen 1848 und 1910, Göttingen 2016.
5 In den neun Sammlungen haben wir insgesamt 70 Postkartenmotive gezählt, von denen
alle 70 deutsche Aufdrucktexte tragen.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen