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miterzeugen, scheint vielmehr Auskunft zu geben über das gesellschaftliche Ver-
hältnis der Sprachen, über komplexe soziale und ökonomische Macht- und Ver-
teilungsverhältnisse.
LINGUISTIC LANDSCAPES, POSTKARTEN UND
HISTORISCHE MEHRSPRACHIGKEITSFORSCHUNG
Ein Forschungsansatz, der diesbezüglich eine Reihe von Anregungen liefert, ist
derjenige der „Linguistic Landscapes (LL)“.7 Die unter diesem Schlagwort ge-
führte Debatte hat sich seit ihrer Formierung, als die gemeinhin ein von Landry
und Bourhis verfasster Text von 1997 gilt8, zu einem enorm produktiven und von
einer Fülle von Publikationen begleiteten Feld entwickelt, dessen Einfluss weit
über die Disziplin der Soziolinguistik hinausreicht und das nachhaltige Impulse
zur Beforschung mehrsprachiger Räume setzt. Fokus dieser Debatte ist die visu-
elle Repräsentation von Sprache im öffentlichen Raum. Das heißt, dass aus der
Fülle von Sprachzeichen diejenigen ausgesucht werden, die materielle, physische
Präsenz im öffentlichen Raum haben – und damit als auf besondere Weise gesell-
schaftlich prägend angesehen werden können. Landry und Bourhis definierten als
die Objektbasis der LL einer Region:
„The language of public road signs, advertising billboards, street names, place names, com-
mercial shop signs, and public signs on government buildings combines to form the linguis-
tic landscape of a given territory, region, or urban agglomeration.“9
Und sie setzen in diesem Text von 1997 einen grundlegenden Schwerpunkt, der
die spezifische Häufung und Verteilung der Sprachen auf Straßenschildern, Orts-
namen, öffentlichen Gebäuden oder Geschäften mit der Frage nach gesellschaftli-
chen Dominanz- und Machtverhältnissen verknüpft. Seit diesem Gründungstext
hat sich das Feld der LL-Forschungen erheblich ausdifferenziert, seine Material-
basis stark erweitert10 und seine methodologischen Zugänge kritisch reflektiert
7 In der Folge führe ich diese Debatte unter dem in der Literatur geläufigen Kürzel „LL“.
8 Rodrique Landry, Richard Y. Bourhis, „Linguistic Landscape and Ethnolinguistic Vi-
tality. An Empirical Study“, Journal of Language and Social Psychology, 16 (1997).
9 Landry/Bourhis, „Linguistic Landscape”, S. 25
10 So sind als Objekte, die Sprachen im öffentlichen Raum sichtbar machen, etwa auch
bereits Graffitis oder Aufdrucke auf T-Shirts untersucht worden. Backhaus definiert als
Gegenstand der LL „ any piece of written text within a spatially definable frame”, vgl.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen