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Linguistic Landscapes auf Postkarten | 55
gegenüber einer deutschsprachigen Minderheit, die vor allem die Städte be-
wohnte. Wurde diese Region bislang vor allem in Bezug auf die ab der zweiten
Jahrhunderthälfte aufkeimenden Nationalismen beforscht, so bieten Postkarten
eine bisher wenig genutzte Möglichkeit, die vitale Mehrsprachigkeit in den Blick
zu bekommen, die diese Region – bei aller Asymmetrie der gesellschaftlichen
Machtverhältnisse – grundlegend prägte.29 Von dieser vitalen Mehrsprachigkeit
zeugt etwa auch ein Text, den Karl Kraus im Jahr 1899 – aus Anlass sich verdich-
tender nationaler Ausschreitungen in dieser Region – unter dem Titel „Slovenisch-
deutsch“ in der Fackel publiziert hat. Er beschreibt dort das Paradox, dass die na-
tionalen Feindseligkeiten keineswegs in Verschiedenheiten, „sei es der Abstam-
mung, sei es der Rasse oder wenigstens der Sprache“ begründet seien.30 Vielmehr
seien deutsch- und slowenischsprachige Menschen in der Untersteiermark in über-
wiegendem Maß von Ähnlichkeiten geprägt. Und er führt weiter aus, dass auch
die Sprachgruppen selbst keineswegs homogen seien:
„Selbst die gebildeten Schichten der Bevölkerung mit deutscher Muttersprache sprechen
das Deutsche mit einem unschönen Dialekt, häufig sehr fehlerhaft, beherrschen dagegen das
Slovenische recht gut – manche Beamte deutscher Abstammung sogar in einem Maße, das
selbst bei den slowenischen Nationalen Bewunderung erweckt. Dagegen sprechen fast alle
Gebildeten der slovenischnationalen Partei ein sehr schönes reines Deutsch, aber nur zu
häufig ein mangelhaftes Slovenisch. Bekanntlich wird die slovenische Schriftsprache von
der ländlichen Bevölkerung überhaupt nicht verstanden, so dass eines der in ihrer Mitte
erscheinenden politischen Wochenblätter, die ‚Domovina‘, sogar in der Mundart geschrie-
ben wird.“31
29 Karin Almasy, Eva Tropper: Štajer-mark. Der gemeinsamen Geschichte auf der Spur:
Postkarten der historischen Untersteiermark = Po sledeh skupne preteklosti:
Razglednice zgodovinske Spodnje Štajerske 1890–1920, Bad Radkersburg 2018
(= Wissenschaftliche Schriftenreihe des Pavelhauses Bd.19)
30 Karl Kraus, „Slovenisch – deutsch“, Die Fackel Nr.17, 1899, S. 1-7, hier S. 2, zit. nach
https://fackel.oeaw.ac.at. (31.1.2020) Für den Hinweis auf diesen Text danke ich An-
dreas Stangl.
31 Kraus, „Slovenisch – deutsch“, S. 4. Ich danke Heinrich Pfandl für die Einschätzung,
dass Karl Kraus sich in der Einordnung des Slowenischen im Zusammenhang mit der
Zeitschrift „Domovina“ geirrt haben dürfte. http://ook.knjiznica-celje.si/zgodilo/domo-
vinabes.htm (31.1.2020). Sehr wohl aber dürfte die Einschätzung von Kraus zutreffen,
dass das Hochslowenische in der Untersteiermark/Spodnja Štajerska generell wenig
verankert war.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen