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Der Quellenwert handschriftlicher Spuren auf Postkarten | 83
„Virštanj“ wurde von der Schreiberin durchgestrichen und handschriftlich durch
deutsche Pendants („Herzl.[ichen] Gruss aus Vierstein“, „Kirche“ und „Vier-
stein“) ersetzt. Von diesen Durchstreichungen abgesehen weist die Postkarte
nichts Nationales auf: Das Bildmotiv zeigt den Ort Virštanj/Vierstein und die lo-
kale Kirche. Im handschriftlichen Grußtext erwähnt die Schreiberin ansonsten le-
diglich das schöne Wetter und dass es „hier […] sehr schön“ sei. Das Durchstrei-
chen aber soll ganz offensichtlich die Geringschätzung der jeweils anderen Nation
verdeutlichen, soll der Sprache des anderen nationalen Lagers keinen Platz in der
öffentlichen Sphäre zugestehen. Der Akt des Durchstreichens belegt damit auch
gleichzeitig, dass sich mittlerweile weitestgehend die verkürzte Vorstellung
durchgesetzt hatte, man könne vom Sprachgebrauch auf die nationale Zugehörig-
keit einer Person schließen. Sprache wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als
die in Abb. 1 gezeigte Karte verschickt wurde, bereits weitestgehend als „natio-
nales Emblem“14 der jeweiligen Nation und nicht mehr nur als pragmatisches
Kommunikationsmittel verstanden.
Obgleich sich also zur Hochblüte des Mediums Postkarte nationale bzw. nati-
onal kodierte Postkarten finden lassen, muss dabei relativierend hinzugefügt wer-
den, dass es sich hierbei nur um einen Bruchteil der damals zirkulierenden Post-
kartenmengen handelte.15 Nationale Spannungen und Selbstbekenntnisse werden
auf Postkarten sichtbar – aber bei weitem nicht in einem solchen Ausmaß wie in
anderen Quellenmedien, wie z. B. zeitgenössischen Zeitungen.
14 Benedict R. O'G Anderson, Imagined communities. Reflections on the origin and
spread of nationalism, London, New York 2006, S. 133.
15 Dieser Eindruck bestätigte sich in der quantitativen Auswertung neun verschiedener
Postkartenbestände privater Sammler als auch öffentlicher Institutionen, mit denen un-
ser Forschungsprojekt „Postcarding Lower Styria“ arbeitete. Im digitalen Postkarten-
archiv POLOS lautet eine Suchoption „national framing“. Wer die entsprechenden Kar-
ten aufruft, wird feststellen, dass es sich dabei nur um eine Minderheit aller aufgenom-
menen Karten handelt. Im Kontext größerer Postkartenmengen, in überwältigender
Mehrheit sind dies topographische Karten, stellen nationale Postkartenmotive einen
nochmals kleineren Anteil dar, da wir unserem Forschungsinteresse folgend Postkarten
mit nationalen Einschreibungen immer in unseren Digitalbestand aufgenommen haben,
eine große Menge ‚gewöhnlicher‘ Karten hingegen nicht. Auch ein Besuch auf einem
Flohmarkt bzw. ein Preisvergleich auf digitalen Postkartenforen wird diese quantitative
Einschätzung bestätigen: Nationale Postkartenmotive sind selten und daher teuer. Steht
gerade diese Fragestellung im Fokus einer Publikation, kann man aber den Eindruck
bekommen, dass solche nationalen Postkarten häufiger gewesen seien, als sie es tat-
sächlich waren. Vgl. für slowenisch-nationale Karten etwa: Milan Škrabec, Slovenstvo
na razglednicah, Ljubljana 2009.
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen