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168 | Heinrich Pfandl
eingeschränkt vorkommen, widerspricht nicht prinzipiell dem Zeugnis einer in na-
tionaler Hinsicht liberalen und offenen Atmosphäre der Stadt. Offensichtlich galt
Deutsch in der Hauptstadt der Bukowina (dem Kronland, in welchem die Ruthe-
nen seit der Zählung 1880 die Mehrheit bildeten50) als eine dermaßen unbestrittene
überethnische Kommunikationssprache, dass die dort ansässigen Polen, Rumänen
und Ruthenen, wie es scheint, nur eingeschränkt motiviert waren, eigene Postkar-
ten in Auftrag zu geben oder selbst zu verlegen. Wenn auch die Rumänen und v.
a. die Ruthenen wirtschaftlich keine besondere Rolle spielten, die Analphabeten-
quoten unter diesen Bevölkerungsgruppen immer noch überdurchschnittlich hoch
waren und sie eher der Unterschicht zugerechnet werden konnten, so verwundert
doch die weitgehende Abwesenheit des polnischen Elements auf den Postkarten.
Immerhin findet man Czernowitzer polnische Namen in zumindest bescheidener
Zahl in der Verwaltung, unter Photographen, Schneidern und Geschäftsleuten al-
ler Art; dies ergab ein stichprobenartiger Befund des Anzeigenteils der Czerno-
witzer Allgemeinen Zeitung sowie des Czernowitzer Tagblatts, der beiden führen-
den Tageszeitungen der Stadt.51 Trotzdem sind uns Karten des ursprünglich 1886
eröffneten Polnischen Vereinshauses unbekannt, während es vom danach neu er-
bauten und 1905 eröffneten Dom polski in der Herrenstraße 40 zumindest zwei im
Internet auffindbare Postkarten gibt. Eine davon, deren Adressseite mir unbekannt
ist, sei hier reproduziert, auch weil sie, vielleicht als einzige52, den polnischen Na-
men der Stadt fixiert:
50 1880: 42,2% Ruthenen, 1910: 38,14% Ruthenen. http://anno.onb.ac.at/cgi-content/
anno-plus?aid=ors&datum=0001&page=354&size=44 und http://anno.onb.ac.at/cgi-
content/anno-plus?aid=ost&datum=0001&page=325 &size=28 (11.01.2020).
51 Czernowitzer Allgemeine Zeitung, Jahrgänge 1901-1918 http://anno.onb.ac.at/
cgi-content/anno?aid=cer sowie Czernowitzer Tagblatt, Jahrgänge 1903-1918,
http://anno.onb.ac-at/cgi-content/anno?aid=czt (beide: 07.01.2020).
52 So wird auf einer anderen, zeitgenössischen polnischen Postkarte der Name der Stadt
als „Czernowitz“ angegeben: Karte Nr. 4 der Kartengalerie des Dom Polski:
https://pl.wikipedia.org/wiki/Dom_Polski_w_Czerniowcach (07.01.2020).
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen