Page - 175 - in Bildspuren – Sprachspuren - Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
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Beobachtungen zum Slowenischen | 175
DIE AUSGANGSLAGE
Mit den 2243 Karten, die auf Polos allgemein zugänglich beidseitig, drehbar und
vergrößerbar zur Analyse zur Verfügung stehen, verfügen wir zwar nur über einen
winzigen Bruchteil der zwischen 1895 und 1918 allein in der Untersteiermark ge-
laufenen Millionen Postkarten, jedoch erscheint die Stichprobe (aus neun unter-
schiedlichen Sammlungen) groß genug, um vorweg folgende Aussagen treffen zu
können: Die Postkarten der Region wurden entweder rein deutsch (mehrheitlich
in den Städten), zweisprachig oder rein slowenisch (großteils in kleinen Dörfern)
bedruckt. Geschrieben wurde in beiden Sprachen, auf Slowenisch und Deutsch,
aus den Städten mehr auf Deutsch, aus den ländlichen Gebieten häufiger auf Slo-
wenisch. Selten wechselt ein und derselbe Schreiber die Sprachen innerhalb einer
Postkarte, wohl aber sieht man immer wieder Interferenzen, vor allem in Richtung
von Deutsch zu Slowenisch (Lehnwörter, Kalkierungen), seltener in der umge-
kehrten Richtung, wenn jemand mit slowenischer Erstsprache sich veranlasst sah,
Deutsch zu schreiben (umgekehrt kennen wir praktisch keinen Fall – primär
Deutschsprachige schrieben in der Untersteiermark äußerst selten bis nie Slowe-
nisch, da sie dieses zumeist nicht beherrschten). Die Sprache der Aufdrucktexte
korreliert kaum mit jener der individuellen Mitteilungen – man sieht slowenische
Mitteilungen auf Karten, die nur deutsch bedruckt sind, und umgekehrt; die Wahl
der Postkarte dürfte eher nach anderen, praktisch-ökonomischen Gesetzmäßigkei-
ten erfolgt sein. Die Schreibenden waren einerseits Einheimische, die ihren Ver-
wandten und Bekannten Neues mitteilen wollten, Ausflügler, die ihren Nächsten
einen Ausflugsort (z.B. Ptujska gora/Maria Neustift, Sv. Trojica v Slovenskih go-
ricah/Hlg. Dreifaltigkeit in den Windischen Büheln) bekannt machen sowie des-
sen glückliches Erreichen anzeigen wollten, andererseits Urlauber, welche ihre
Eindrücke über den Urlaubsort kommunizieren wollten (z. B. aus Rogaška Sla-
tina/Rohitsch Sauerbrunn oder Dobrna/Bad Neuhaus), Durchreisende auf Bahn-
höfen, an denen sie den Zug wechseln und daher lange Wartezeiten überbrücken
mussten (wie z. B. in Pragersko/Pragerhof oder Zidani Most/Steinbrück). Bei den
ersten beiden Kategorien überwiegt als Mitteilungssprache das Slowenische, bei
den zweiten beiden das Deutsche.
Auf den ersten Blick sieht man große Unterschiede in Bezug auf den kulturel-
len Hintergrund der Schreibenden – einige waren hoch gebildet und kultiviert, für
andere trifft dies weniger zu. Die Postkarten erlauben uns also einen Einblick in
die Schreibgewohnheiten und Alltagsrealitäten unterschiedlichster Bevölkerungs-
segmente – solche, für die die schriftliche Kommunikation zum Alltag gehörte,
aber auch solche, für welche der Akt des Postkartenschreibens eine höchst unge-
wöhnliche Anstrengung bedeutete, da sie mit der Schriftkultur und erst recht mit
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen