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182 | Tjaša Jakop
Personalpronomens: „bi mo tudi poslal eno kartico“ ('würde ihm auch eine Karte
schreiben') – mo steht hier für standardsprachlich mu ('ihm').22
Naturgemäß finden wir auf den Postkarten aus der Savinja-Region auch zahl-
reiche Sprachformen, die, ohne dialektal oder soziolektal einordenbar zu sein, ein-
fach ältere Sprachzustände widerspiegeln. Ein derartiger Archaismus ist z. B. die
Flexion des Futurums des Verbums biti mit dem historischen Stamm bod- in den
Formen bodem, bodeš...: Z. B. „da bodem videl, kako se črke vežejo“ ('damit ich
sehen werde, wie sich die Buchstaben verbinden').23 Ebenso finden sich Archais-
men aber auch auf lexikalischer Ebene: Auf einer Karte aus Mislinja/Missling be-
zeichnet der Schreiber das Sanntal als divna: „Bodoči teden se pripeljem s ko-
lesom v divno Savinsko dolino“ ('Nächste Woche fahre ich mit dem Fahrrad ins
wunderbare Sanntal'), ein Lexem, das im Wörterbuch von Pleteršnik von 1894/95
(Lemma: diven) als kirchenslawisch und kroatisch verzeichnet ist, heute im Slo-
wenischen als veraltet gilt und durch das Lexem čudovit verdrängt wurde.24
Als besonders wertvoll erweisen sich Fundstücke, die von bekannten sloweni-
schen Persönlichkeiten stammen und die möglicherweise noch dazu, wie in fol-
gendem Beispiel, an einflussreiche Persönlichkeiten gesandt wurden. So schreibt
im April 1906 der aus Celje/Cilli stammende Gymnasiallehrer Anton Dolar an
seinen in einem Marburger Krankenhaus liegenden Freund Dr. Anton Klasinc eine
Postkarte, auf welcher er sich in einer vom heutigen Slowenischen kaum zu un-
terscheidenden Sprache über dessen Gesundheitszustand erkundigt:25
22 Vgl. https://gams.uni-graz.at/o:polos.428
23 1908 von Sveti Pavel pri Preboldu/St. Paul bei Pragwald nach Graz gesandt, vgl.
https://gams.uni-graz.at/o:polos.604
24 Vgl. https://gams.uni-graz.at/o:polos.4003 Siehe eine ausführliche Besprechung dieser
Karte auch bei: Karin Almasy, „The Linguistic and Visual Portrayal of Identifications
in Slovenian and German Picture Postcards (1890–1920)“, Austrian History Yearbook
49 (2018), 41-57.
25 Vgl. https://gams.uni-graz.at/o:polos.312
Bildspuren – Sprachspuren
Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Title
- Bildspuren – Sprachspuren
- Subtitle
- Postkarten als Quellen zur Mehrsprachigkeit in der späten Habsburger Monarchie
- Authors
- Karin Almasy
- Heinrich Pfandl
- Editor
- Eva Tropper
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4998-1
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Postkarte, Mehrsprachigkeit, Habsburger Monarchie, Alltagsgeschichte, Kurznachrichtenträger, Alltagskommunikation, Fotografie, Untersteiermark, Mikrogeschichte, Eisenbahn, Tourismus
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen