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katharina hranitzky
(Cod. 378) ist vielleicht der Umstand zu werten, dass in den Kreisringen beider
Bände dieselbe Schreibweise für die aus Südwest blasenden Winde zu finden ist
(siehe Anm. 46).55
Einordnung der Handschrift in Lyon
Vier der insgesamt fünf bekannten vollständigen Exemplare des Compendiums
vom „Typ Baumgartenberg“ sind mit hoher Wahrscheinlichkeit jeweils dort ent-
standen, wo sie im Mittelalter aufbewahrt wurden, also in Baumgartenberg, Hei-
ligenkreuz, Aldersbach und Klosterneuburg. Die Frage nach der Herkunft des
fünften Bands, des Lyoner Ms. 445, war hingegen bislang ungeklärt.56 Wie sich
herausstellt, kann dieser Codex jedoch aufgrund stilistischer Kriterien einigerma-
ßen zuverlässig lokalisiert werden. Seine Initialen wurden augenscheinlich von
demselben Buchmaler ausgeführt wie die Zierlettern der Handschrift CSF XI 157
der Stiftsbibliothek St. Florian, die einen um 1300 zu datierenden Besitzvermerk
dieses Augustiner-Chorherrenstifts enthält.57 Es entsprechen einander in beiden
Codices die Palmetten mit langen Blattlappen und kleinem Binnenkreis, in die die
verschlungenen Ranken der Initialen münden; die Bogenformen an den Schaften-
den, die ebenfalls teilweise durch Kreise ergänzt sind; die gebogten Blattformen in
den Bögen der Buchstaben; die gerippten Ränder der Spangen, die die gespaltenen
Buchstabenkörper zusammenhalten; die markanten Tropfenmotive im Binnenfeld
mancher Zierlettern; schließlich die mehrfarbigen Hintergründe.58 Aufgrund der
Provenienzhinweise in CSF XI 157 kann, bei aller gebotenen Vorsicht, für Lyon,
Ms. 445 vorläufig eine Entstehung in St. Florian angenommen werden, in einem
Stift also, das nur wenige Kilometer von Baumgartenberg entfernt liegt.59
55 Im Übrigen zeigt sich, dass man im 14. Jahrhundert zwar bemüht war, die Darstellun-
gen bildlich zu erneuern, die Texte aber meistens weitgehend wortgetreu kopierte (siehe
auch Raff, Windpersonifikationen [zit. Anm. 2], S. 152). Somit wurden auch die Fehler
in der Beschriftung des Kosmosbildes jeweils abgeschrieben. Allerdings wurde auf dem
Einzelblatt das Wort Quinque in der Umschrift (siehe Anm. 20) durch qui und die
Abkürzung qʒ ersetzt (bei Holcomb [zit. Anm. 2], S. 118 als „quia quae“ transkribiert
bei Hranitzky, Diplomarbeit [zit. Anm. 3], S. 109, Anm. 66 die Lesart „qui quoque“ vor-
geschlagen, vgl. Cesare Paoli: Die Abkuerzungen in der lateinischen Schrift des Mittel-
alters. Ein methodisch-praktischer Versuch. Innsbruck 1892, S. 30, siehe unter: https://
archive.org/details/dieabkuerzungen00paolgoog).
56 Der Einband des Lyoner Ms. 445 wurde im 19. oder 20. Jahrhundert erneuert, und der
neuzeitliche Besitzvermerk Detho Hohenfelders auf der ersten Seite der Handschrift, der
immerhin auf einen Vorbesitzer aus dem deutschsprachigen Raum hindeutet, kann vor-
läufig mit keiner bekannten Person in Zusammenhang gebracht werden.
57 Siehe Kurt Holter: Bibliothek und Archiv: Handschriften und Inkunabeln. In: Die
Kunstsammlungen des Augustiner-Chorherrenstiftes St. Florian. Wien 1988 (Österrei-
chische Kunsttopographie 48), S. 29–92, hier S. 31, 70; Abb. 86.
58 Die besondere Form der Parzellierung der Außengründe der Initialen könnte der Illumi-
nator des Ms. 445 aus dem Linzer Codex übernommen haben.
59 In der St. Florianer Stiftsbibliothek hat sich mit dem CSF XI 216 noch ein älteres Exem-
plar des mit der Historia scholastica kombinierten Compendiums erhalten; zur Hand-
schrift (bei Piggin, Peter’s Stemma [zit. Anm. 6] nicht angeführt) siehe die unter http://
manuscripta.at/?ID=27884 angegebene Literatur; siehe auch Anm. 43.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken