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Für Recht und Ordnung
Fleuronnée-Initialen in Handschriften und Urkunden des vierten
Viertels des 13. Jahrhunderts in Wien und Niederösterreich
Im Laufe des 13. Jahrhunderts vollziehen sich einige weitreichende Änderungen
innerhalb der gotischen Buchkultur. Ein wesentlicher Aspekt betrifft das ver-
mehrte Aufkommen von Fleuronnée-Initialen, die nunmehr zu dem am häu-
figsten eingesetzten Ausstattungselement einer Handschrift avancieren und dem
Leser die strukturelle Ordnung eines Textes vor Augen führen.1 Gleichzeitig er-
reicht diese mit der Feder gezeichnete, überwiegend ornamentale Schmuckform
in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein so hohes künstlerisches Niveau,
dass sich mithilfe stilistischer Analysen profunde Aussagen zu Herstellungszeit
und -ort eines Buches treffen lassen. Neben der dichten Überlieferung der Fl-
euronnée-Initialen in den erhaltenen Handschriften spielen in dieser Hinsicht
auch illuminierte Urkunden eine entscheidende Rolle. Sie wurden zwar weitaus
seltener mit Fleuronnée-Initialen verziert, enthalten im Gegensatz zur Mehrheit
der im 13. Jahrhundert entstandenen Handschriften aber fast immer Angaben
zu Zeit und Ort ihrer Entstehung, was sie zu einem wertvollen Hilfsmittel für
Kunsthistoriker werden lässt.2
Im Folgenden soll ein in Wien und dem heutigen Niederösterreich zu veror-
tendes Fallbeispiel demonstrieren, wie stilistische Verbindungen zwischen Fleu-
ronnée-Initialen in Handschriften und Urkunden zur Datierung und Lokalisie-
rung von Büchern beitragen können. Darüber hinaus ermöglicht die Werkgruppe
neue Erkenntnisse über die Entwicklung und Verbreitung von Fleuronnée-Stilen,
1 Christine Jakobi-Mirwald: Initiale, Randdekor, Miniatur: Die Ausstattungsorte in der
gotischen Buchkunst. In: Gotik, hg. von Christine Beier, Graz 2016 (Geschichte der
Buchkultur 5/1), S. 235–252, hier S. 244 f.
2 Diese Chance erkannte bereits Louis Douët d’Arcq in seinem 1847 verfassten Aufsatz
über illuminierte Urkunden. Siehe Louis Douët d’Arcq: Chartes à vignettes. Représen-
tation de Charles V. In: Revue archéologique (1847/1848), S. 749–756. – Auch das vom
FWF geförderte interdisziplinäre Projekt „Illuminierte Urkunden als Gesamtkunstwerk.
Bildmedien in Rechtsdokumenten im Europäischen Mittelalter“ widmete sich der Er-
forschung mittelalterlicher illuminierter Urkunden in Mitteleuropa. Vorrangig behan-
delt wurden Rechtsdokumente, die gemalten oder figürlichen Buchschmuck enthalten.
Siehe auch Gabriele Bartz: Illuminierte Urkunden − ein mittelalterliches Fabeltier oder
eine Chance für die Forschung (Vortrag zum 30. Buchkunsttag Simbach). Wien 2014,
S. 6 ff., 11 ff., 36; Martin Roland / Andreas Zajic: Illuminierte Urkunden des Mittelal-
ters in Mitteleuropa. In: Archiv für Diplomatik 59 (2013), S. 241–432; Andreas Zajic:
Illuminierte Urkunden − Der schöne Schein von Rechtstexten. In: insights. Archive
und Menschen im digitalen Zeitalter (2015/1), S. 16–17, hier S. 17. – Sämtliche der im
Folgenden besprochenen Urkunden sind im virtuellen Urkundenarchiv der Plattform
Monasterium.net online abrufbar.
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken