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291: Heiligenkreuz, Stiftsarchiv, Urk. 1285 IV 03 (Abb. 7), 1286 XII 24−4 (Abb. 8),
1287 X 13−1. Die Gemeinsamkeiten bei der Ausführung des Motivs reichen von
dessen Position im Verband des Linienwerks bis hin zu Details, zu denen die dünne
Nase, der leicht geöffnete Mund oder der schräg schraffierte Bart zählen. Abgesehen
von diesem charakteristischen Merkmal stimmen auch die anderen Gestaltungsele-
mente und deren Anordnung sowie der Gesamteindruck der Fleuronnée-Initialen
der Urkunden mit jenen der zwei Codices überein. Erwähnt seien etwa die Motiv-
kombinationen aus Spiralen, Knospen und Palmettenblättern an der Biegung von
Linien (vgl. Abb. 9 und 3) oder die symmetrisch arrangierten Ausläufer und Spiral-
fäden, die die mit Dornen versehenen Palmetten, Knospen und Knospenpyramiden
(vgl. Abb. 10 und 2) flankieren können.13
Abgesehen von den genannten Urkunden existieren noch zwei weitere Rechts-
dokumente mit Fleuronnée-Initialen, deren Stil sich zwar weitgehend mit dem
oben beschriebenen deckt, jedoch auch geringe motivische Abweichungen von
diesem erkennen lässt. Eine der betreffenden Urkunden befindet sich ebenfalls im
Archiv von Heiligenkreuz (Heiligenkreuz, Stiftsarchiv, Urk. 1275 IV 11, Abb. 11)14.
Das zweite Schriftstück, am 15. September 1273 in Wien in domo nostra, also im
Heiligenkreuzer Hof, verfasst, um einen Streit von Abt Heinrich und dem Kon-
vent von Heiligenkreuz mit Abt Gerung und dem Konvent von Melk beizulegen,15
liegt in Melk (Melk, Stiftsarchiv, Urk. 1273 IX 15). Zusätzlich zu den bereits be-
kannten Einzelformen kennzeichnet das Besatz-Fleuronnée der Anfangsbuchsta-
ben dieser Urkunden die Verwendung kleiner Pyramiden aus Haarnadelfäden.16
Vergleicht man jedoch den Zickzackkurs der Ausläufer auf der Urkunde vom
11. April 1275 (Abb. 11) mit einer Fleuronnée-Initiale ohne Fadenpyramiden auf
einem Schriftstück vom 3. April 1275 (Heiligenkreuz, Stiftsarchiv, Urk. 1275 IV
03.1, Abb. 12)17, wird deutlich, dass trotz des zusätzlichen Motivs eine stilistische
Verwandtschaft zur Fleuronnée-Gruppe gegeben ist. Möglicherweise hängen die
genannten motivischen Abweichungen mit der frühen Entstehungszeit dieser Ini-
tialen und der sich in den folgenden Jahren vollziehenden Weiterentwicklung des
Fleuronnée-Stils zusammen. Dafür könnten beispielsweise auch die offensichtli-
chen Unsicherheiten bei der Ausführung des Linienwerks sprechen, die bei der
zuletzt zum Vergleich herangezogenen Urkunde festzustellen sind. So werden die
13 Unterschiede lassen sich nur hinsichtlich der Verwendung von Farbe feststellen, denn
während die Fleuronnée-Initialen der Handschriften in Rot und Blau ausgeführt wur-
den, kommen die der Urkunden wie gewöhnlich ohne Farbe aus. Siehe dazu auch Ro-
land / Zajic, Illuminierte Urkunden (zit. Anm. 2), S. 307.
14 Zur Urkunde: Johann Nepomuk Weis: Urkunden des Cistercienser-Stiftes Heiligen-
kreuz im Wienerwalde. I. Theil Wien 1856 (Fontes rerum Austriacum II/11), S. 195 f.
(Nr. 212).
15 Gerhard Winner / Paul Herold: Die Urkunden des Benediktinerstiftes Melk. 2 Bde.,
Wien 2001, Nr. 77. − Zum Hintergrund der Rechtssache siehe Ignaz Franz Keiblinger:
Geschichte des Benedictiner-Stiftes Melk in Niederösterreich, seiner Besitzungen und
Umgebungen. 1. Bd.: Geschichte des Stiftes. Wien 1851, S. 362.
16 Diese Fadenpyramiden weist auch die Fleuronnée-Initiale einer Heiligenkreuzer Urkun-
de vom 3. April 1275 auf, die sich von der hier behandelten Fleuronnée-Gruppe aber auf-
grund ihrer eng geführten, gestrichelten Haarnadelfäden unterscheidet (Heiligenkreuz,
Stiftsarchiv, Urk. 1275 IV 03).
17 Zur Urkunde: Weis, Urkunden (zit. Anm. 14), S. 194 f. (Nr. 211).
Abb. 5: wie Abb. 1, fol. 114v
Abb. 6: Sermones-Handschrift.
Heiligenkreuz, Stiftsbibliothek,
Cod. 291, fol. 169v
Abb. 7: Urkunde 1285 IV 03.
Heiligenkreuz, Stiftsarchiv
Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Title
- Europäische Bild- und Buchkultur im 13. Jahrhundert
- Author
- Christine Beier
- Editor
- Michaela Schuller-Juckes
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21193-8
- Size
- 18.5 x 27.8 cm
- Pages
- 290
- Categories
- Geschichte Chroniken