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schen, die vor Ort daran mitarbeiten. Nutzungssuf-
fizienz zielt vor allem darauf ab, dass digitale Tools
nicht zu Reboundeffekten führen: Wenn die intelli-
gente Vernetzung des Verkehrs dazu führt, dass man
schneller und kostengünstiger von A nach B kommt,
legen suffi
zienzorientierte Nutzer*innen trotz dieser
Möglichkeit in Summe dennoch nicht mehr Kilome-
ter zurück. Und wenn dank digitaler Kommunikation
Aktivitäten und Logistik schneller bewältigt werden
können, werden suffiziente Nutzer*innen dies nicht
für zusätzliche Aktivitäten nutzen, sondern Zeitwohl-
stand
genießen.
Letztlich
muss
sich
jede
Nutzerin
und
jeder Nutzer fragen: Wie viele digitale Geräte und wie
viel permanente Vernetzung benötige ich – sowohl be-
ruflich wie privat –, um ein zufriedenes
Leben führen
zu können?
(4) Ökonomische Suffizienz schließlich zielt auf
die Systemebene ab. Die zentrale Frage lautet dabei:
Wie kann die Digitalisierung genutzt werden, um
eine Wirtschaft ohne Wachstum entstehen zu lassen,
deren Naturverbrauch radikal sinken kann und in
der eine gute Lebensqualität der Menschen möglich
wird? Eine Schlüsselrolle kommt hierbei der Reregio-
nalisierung zu. Bislang galt die Kritik, eine schritt-
weise Dezentralisierung (und Deglobalisierung)
kontinentaler und transnationaler Warenströme sei
zu ineffizient oder bei komplexen industriellen Pro-
dukten technisch nicht machbar. Mithilfe der Digita-
lisierung lassen sich die Grenzen dessen verschieben,
was lokal wirtschaftlich und machbar ist: So können
zum Beispiel Praktiken des Sharing, des Prosuming,
des Doityourself gefördert werden. In der Landwirt-
schaft können kleinbäuerliche Betriebe über kommu-
nale oder regionale Plattformen ihre Ernten an lokale
Märkte oder direkt an Endkund*innen verkaufen. Mit
intelligent gesteuerten und vernetzten ‹Micro Grids›
lässt sich ein dezentrales Energiesystem aufbauen,
bei dem Windkrafträder, Solaranlagen und so weiter im Besitz vieler tausend Privatpersonen, Genossen-
schaften oder Kommunen liegen anstatt in der Hand
weniger großer Energiekonzerne. Auch die Produk-
tion industrieller Güter kann aufgrund zunehmend
automatisierter Produktionsverfahren in die Region
zurückgeholt werden – wie es im Übrigen bereits etli-
che Konzerne vormachen.
AM ÜBERGANG IN
DIE POSTWACHSTUMS
GESELLSCHAFT
Die Digitalisierung läuft
derzeit in die falsche
Richtung des ‹weiter,
schneller, mehr› mit den
damit verbundenen öko-
logischen Problemen.
Doch digitale Technolo-
gien bergen das Poten-
zial, eine neue Wirt-
schaft zu entwickeln, die wachstumsunabhängig
sowohl ökologische als auch soziale Nachhaltigkeit
verfolgt. Dafür müssten digitale Technologien technik-
und
datensuffizient
konzipiert
und
für
Nutzungs-
und
ökonomische Suffizienz angewendet werden. So könn-
te sie dabei helfen, viele der bisherigen Probleme de-
zentraler Wirtschaftskonzepte zu überwinden, indem
digitale Technologien helfen können, einen ‹kosmopo-
litischen Lokalismus› zu verwirklichen – der nicht auf
Abschottung, sondern auf gerechten globalen Handel
setzt. Am Ziel der Nachhaltigkeit und dem Prinzip der
Suffizienz orientiert, könnte die Digitalisierung so
zum Übergang in die Postwachstumsgesellschaft bei-
tragen. Das Prinzip der digitalen Suffizienz kann eine
Orientierungshilfe für eine solche Neuausrichtung
geben. Es hängt an den Entwickler*innen, den Nut-
zer*innen und nicht zuletzt der Politik, die Digitali-
sierung in diese neue Richtung zu steuern.
DIE AUTOR*INNEN
/// Dr. Steffen Lange ist Mitarbeiter am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Seine Themenschwerpunkte sind Digitalisierung,
nachhaltiges Wirtschaften, Ökologie und Wirtschaftswachstum. https://www.ioew.de/das-ioew/mitarbeiter/dr-steffen-lange/
/// Prof. Dr. Tilman Santarius lehrt an der Technischen Universität Berlin und am Einstein Centre Digital Futures und ist Teil der Forschungs-
gruppe ‹Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation› am IÖW. Seine Schwerpunktthemen sind Klimapolitik, Handelspolitik, nach-
haltiges Wirtschaften, Postwachstum und digitale Transformation. www.santarius.de
/// Prof. Dr. Angelika Zahrnt ist Ehrenvorsitzende beim BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. Sie arbeitet und publiziert zu den
Themen Nachhaltigkeit, Postwachstumsgesellschaft und Suffizienz und
ist Beraterin in verschiedenen
Gremien.
LITERATURE
/// 1 Andrae, A., & Edler, T. On Global Electricity Usage of Communication Technology: Trends to 2030. Challenges 6, Nr. 1: 117–157 (2015).
/// 2 Schneidewind, U., & Zahrnt, A. Damit gutes Leben einfacher wird, Perspektiven einer Suffizienzpolitik. München: oekom Verlag (2018).
/// 3 Lange, S., & Santarius, T. Smarte grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit.
München: oekom Verlag. (2018). }
///<quote>
Digitale Technologien
können helfen, einen
‹kosmopolitischen
Lokalismus›
zu verwirklichen – der
nicht auf Abschottung,
sondern auf
gerechten globalen
Handel setzt.
///</quote>
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WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Title
- WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
- Subtitle
- Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Author
- Anja Höfner
- Editor
- Vivian Frick
- Publisher
- oekom verlag
- Location
- München
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-SA 3.0
- ISBN
- 978-3-96238-149-3
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 152
- Keywords
- Digitalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, Politik, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeitskommunikation
- Categories
- Informatik
- Technik