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zunehmend populären cloudbasierten Dienste wie
Netflix verantwortlich. Nicht nur unser Konsum ver-
ändert sich durch die Digitalisierung, sondern auch
die Arbeitswelt: Viele Digitalfirmen bieten Dienste
an, die vermeintlich von technischen Anwendungen
vollzogen, tatsächlich aber von Menschen in prekä-
ren Arbeitsverhältnissen erledigt werden, wie bei-
spielsweise die Moderation der Kommentare in so-
zialen Netzwerken. Die ungerechte Entlohnung führt
auch zu einer Kapital- und Machtakkumulation in
den großen Tech-Konzernen der Welt. Gerade weil
dem Digitalbereich weiterhin ein großes Wachstum
prognostiziert wird,3 werden auch seine Auswirkun-
gen auf Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Ressour-
cenhandel größer. Und wie wir spätestens seit den
US
Wahlen 2016 und dem Brexit Referendum wissen,
wächst durch Unternehmen wie Facebook und Cam-
bridge Analytica auch der Einfluss auf politische und
rechtliche Systeme. Die Welt zu retten wird also ohne
Einbeziehung des Faktors digitale Technologie kaum
möglich sein. Deshalb kamen für ‹Bits & Bäume› die
Nachhaltigkeitsbewegung und die Techszene zu-
sammen: um Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu-
sammenzudenken, Szenen miteinander zu verknüpfen
und gemeinsame Handlungs wege auszuloten.
GEMEINSAMKEITEN VON
BITS UND BÄUMEN
Auf der ‹Bits & Bäume› hieß
es ‹Zusammen bringen, was
zusammen gehört›, doch
wurde gleichzeitig immer
von zwei getrennt agieren-
den Szenen gesprochen.
Was sind also die Gemein-
samkeiten und Verbindungen zwischen Bits und Bäu-
men? Zum einen vereint beide Szenen, dass sie Ziele
verfolgen, die über ihre eigenen Motive hinaus
gehen.
Konkret sind das die oben genannten Menschen rechte.
Bisher eher nebeneinander kämpfen die Techies für die
politischen und bürgerlichen Menschenrechte und die
Nachhaltigkeitsengagierten für die wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen Menschenrechte.4 In Zeiten
zunehmender Konflikte um Ressourcen und Umwelt
auf der einen und um (Informations-)Freiheitsrechte,
Daten hoheit und Bürger rechte auf der anderen Seite
ist das Zusammen
denken dieser beiden Bereiche uner-
lässlich. Die eingeladenen Gruppen auf beiden ‹Seiten›
waren meist Handelnde der Zivilgesellschaft, welche
die Gesamtheit aller nichtstaatlichen Organisationen meint, die auf die öffentliche Meinung Einfluss ha-
ben.5, 6 Auch diesen Anspruch der gesellschaftlichen
Wirksamkeit haben beide Communities gemeinsam.
Zwei weitere Punkte betreffen vor allem organisato-
rische Aspekte: In den aktivistischen Gruppen und
selbstorganisierten Communities sind die Grenzen
nach außen offen: Menschen, die dabei sein wollen,
können dies in der Regel auch.7 Zugleich sind beide
Communities geprägt von ihrer jeweiligen Wachs-
tumsgeschichte. Zwar sind sie nach wie vor stark
aktivistisch unterwegs, jedoch inzwischen auch ge-
sellschaftlich etabliert, was sich zum Beispiel an der
Größe von Organisationen wie dem BUND mit knapp
600.000 Mitgliedern8 oder dem Chaos Computer Club
mit über 9.000 Mitgliedern9 zeigt. Das zeigt sich auch
daran, dass der CCC jedes Jahr das größte Hacker-
treffen Europas organisiert, Club-Vertreter*innen
bereits vom Bundestag oder als Sachverständige vor
Gericht geladen wurden oder dass der Vorsitzende
des BUND ein Mitglied der Kohlekommission war.
WAS KÖNNEN, WAS MÜSSEN WIR
VONEINANDER LERNEN?
Die Professionalität der Nachhaltigkeitsorganisa-
tionen ist etwas, das die Techies an der Konferenz
oft als Lernmöglichkeit nannten, vor allem was die
Kampagnenfähigkeit der Umweltbewegung angeht.
Und klar, während es für den Bereich Umwelt seit
1986 ein eigenes Ministerium gibt, ist das Thema
Netzpolitik / Digitalisierung noch bei verschiedenen
Bundes- und Landesbehörden verortet. Die Benen-
nung einer Staatsministerin für Digitalisierung, die
im März 2018 erfolgte, ist da nur Makulatur. Wo hier
also die Techies eher von den Ökos lernen können,
sind es andersherum gerade dank der geringeren In-
stitutionalisierung die Agilität und Schlagfertigkeit,
in denen die Tech-Bewegung stärker ist. Ein Beispiel
dafür, wie Technologie für politische Ziele einge-
setzt werden kann, ist die Plattform ‹Frag den Staat›
(
siehe dazu die Infografik zu ‹Frag den Staat›), über die
Bürger*innen Anfragen an Behörden nach dem In-
formationsfreiheitsgesetz (IFG), dem Verbraucher-
informationsgesetz (VIG) oder dem Umweltinforma-
tionsgesetz (UIG) stellen können.
Zwar ist es auch ohne diese Plattform möglich, An-
fragen an die Behörden zu stellen, jedoch konstatiert
das Bundesumweltministerium (BMU) selbst, dass es
eine ‹zunehmende Nutzung der Plattform Fragden-
Staat.de›10 gibt. Netzpolitik.org schrieb 2016, dass die
Zahlen der Anfragen nach dem IFG sich seit der Ein-
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Beide Szenen vereint
ihre inklusive Struktur
sowie das Ziel,
wirksam zum Gemeinwohl
in der Gesellschaft
beizutragen.
///</quote>
WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Title
- WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
- Subtitle
- Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Author
- Anja Höfner
- Editor
- Vivian Frick
- Publisher
- oekom verlag
- Location
- München
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-SA 3.0
- ISBN
- 978-3-96238-149-3
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 152
- Keywords
- Digitalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, Politik, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeitskommunikation
- Categories
- Informatik
- Technik