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teil an Nutzen und Kosten der Digita-
lisierung haben können. Die negativen
Seiten wie menschenunwürdige Arbeitsbe-
dingungen, Umweltverschmutzung, Gesund-
heitsschäden und Elektroschrott dürfen
nicht einseitig auf den Globalen Süden
abgewälzt werden.
«In
den
Industrieländern
erschaffen
wir
eine
Ausprägung
der Digitalisierung mit Monopolen und Gefahren für die
Privatsphäre und anderen Fehlentwicklungen, die dann
so auch in Entwicklungs- und Schwellenländern zur An-
wendung kommt. Bei der Gestaltung der Digitalisierung
müssen wir uns aber die Frage stellen, welche Probleme
gelöst werden sollen. Das ist ein Punkt, der hier wie für
Entwicklungs- und Schwellenländer gilt: Wir treffen
auf sehr unterschiedliche lokale und regionale Bedürf-
nisse – und entsprechende Probleme, die mit digitalen
Hilfsmitteln vielleicht besser gelöst werden können. In
Entwicklungs- und Schwellenländern kann die Digita-
lisierung einfache Kommunikationsmittel bereitstellen,
den Zahlungsverkehr für viele Menschen erleichtern, zi-
vilgesellschaftliche Akteure vernetzen, die persönliche
Gesundheit und das Gesundheitswesen verbessern oder
die Entstehung angepasster Geschäftsmodelle
fördern.
Wenn wir diese Forderung unserer Konferenz ernst
nehmen, müssen wir die besondere Perspektive des
Globalen Südens in einer Folgekonferenz viel stärker
thematisieren. Auf der ‹Bits & Bäume› haben wir schon
einzelne Aspekte angesprochen: wie der Ressourcen-
schutz im Globalen Süden gefördert werden kann, wie
gefräßig elektronische Geräte sind, wie viel Energie sie
verbrauchen und welche Schäden sie auch im Globalen
Süden anrichten. Aber wir haben nicht oder zu wenig
überlegt: Was sind eigentlich positive Gestaltungsmög-
lichkeiten?
Wie
können
wir
Menschen
aus
dem
Globalen
Süden
mitnehmen
und
einbeziehen
in
die
Diskussion
um
Digitalisierung und Nachhaltigkeit? Ich wünsche mir,
dass wir das in Zukunft stärker tun – und damit auch
unsere Forderung, die sich auch an Politik und Unter-
nehmen
richtet,
ein
Stück
weit
selbst
einzulösen
helfen.»
Thomas Korbun für das Institut für ökologische
Wirtschaftsforschung (IÖW)
7. Bilaterale und multilaterale Handels-
abkommen dürfen keine Verbote und Ein-
schränkungen in den Bereichen Besteuerung (Taxation), Offenlegung des Quellcodes
(Open Source) und Ort der Datenverarbei-
tung (Localisation) enthalten.
«Für uns von Brot für die Welt steht bei der Auseinan-
dersetzung
mit
der
Digitalisierung
eine
Frage
im
Mittel-
punkt, nämlich: Wie ist es möglich, dass wir die Chan-
cen auf Teilhabe für die Menschen im Globalen Süden
verbessern können? Eine der wichtigsten Voraussetzun-
gen dafür ist, dass wir den politischen Handlungsspiel-
raum dieser Länder vergrößern. Deutschland und an-
dere
Industriestaaten
verfolgen
eine
doppelte
Strategie:
Zum einen fördern sie ihre Unternehmen beim digitalen
Wandel, und zum anderen schützen sie ihre einheimi-
schen
Unternehmen
vor
ausländischer
Konkurrenz.
Das
ist bei Entwicklungsländern nicht so einfach, und das
Problem ist, dass dieser Handlungsspielraum für die-
se Länder noch weiter eingeschränkt wird. Das Silicon
Valley drängt seit längerer Zeit schon darauf, dass in-
nerhalb von Handlungsabkommen Regelungen zum glo-
balen Datenverkehr getroffen werden, und es verfolgt
dabei drei Ziele: Das eine ist, den Staaten zu verbieten,
Daten lokal zu speichern und weiterzuverarbeiten. Das
Zweite
ist,
den
Staaten
auch
den
Zugriff
auf
Quellcodes
zu untersagen. Das gilt auch für Unternehmen, die ihre
einheimischen Märkte dominieren. Und drittens soll
ihnen auch untersagt werden, Steuern oder Zölle auf
ausländische Unternehmen zu erheben. Was lange Zeit
nur die Wunschvorstellung von Microsoft, Google und
Co.
war,
ist
leider
inzwischen
Wirklichkeit.
Anfang
2018
wurde ein transpazifisches Abkommen von elf Staaten
beschlossen, darunter Japan, Kanada und Australien.
Es enthält genau diese drei Forderungen. Dieses Ab-
kommen ist ein weitreichender Eingriff in die Souve-
ränität dieser Staaten, der Gesellschaften und ihrer
Unternehmen und nimmt ihnen eine ihrer wichtigsten
Ressourcen: ihre Daten. Für das Silicon Valley ist das
sozusagen der Goldstandard: Das, was in diesem Ab-
kommen enthalten ist, soll zukünftig fester Bestandteil
weiterer bilateraler Abkommen sein und schlussendlich
auch von der Welthandelsorganisation WTO übernom-
men werden. Aber für die Entwicklungsländer ist das
kein Goldstandard, sondern im Endeffekt ein Sargna-
gel für ihre zukünftige Entwicklung. Es ist unsere Her-
ausforderung, dafür zu sorgen, dass diese Politik nicht
übernommen
wird
–
weder
in
der
EU
noch
in
bilateralen
oder WTO-Abkommen.»
Sven Hilbig für Brot für die Welt
WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Title
- WAS BITS UND BÄUME VERBINDET
- Subtitle
- Digitalisierung nachhaltig gestalten
- Author
- Anja Höfner
- Editor
- Vivian Frick
- Publisher
- oekom verlag
- Location
- München
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-SA 3.0
- ISBN
- 978-3-96238-149-3
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 152
- Keywords
- Digitalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, Politik, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeitskommunikation
- Categories
- Informatik
- Technik