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ten zu lieben wie sich selbst, stellen die utilitaristische Moral in ihrer
höchsten Vollkommenheit dar.34
Ein Blick in Henry Sidgwicks Methods of Ethics zeigt, dass fĂĽr diesen der
Terminus „Utilitarismus“ im Gegensatz zu Egoismus einerseits und zu In-
tuitionismus (was hier eine deontologische Theorie meint) andererseits
steht, also nichts mit Egoismus zu tun hat.35 Hier ist auch auf das persönli-
che Engagement der Teilnehmer des Projekts „Effektiver Altruismus“ hin-
zuweisen, die einen festen Teil ihres Einkommens zu spenden pflegen und
insofern einen beispielhaften Altruismus praktizieren.36 Wer von Utilitaris-
mus – speziell in negativer Konnotation – redet, sollte also jeweils seinen
Sprachgebrauch deutlich machen und die egoistische Konnotation aus-
schlieĂźen.
Meistens bezieht man sich mit dem Terminus Utilitarismus auf die he-
donistische Variante von Bentham, Mill und Sidgwick (falls man ĂĽber-
haupt einen von diesen gelesen hat). Alle drei Autoren vertreten einen he-
donistischen Utilitarismus. Aus der hedonistischen Axiologie ergeben sich
gewisse Schwierigkeiten. Wo es um Maximierung des Glücks geht bzw. –
so vor allem bei Bentham – um Minimierung von Leid, könnte es letztlich
schlicht auf eine insgesamt positive Bilanz ankommen. Herbert L. A. Hart
(keineswegs ein Antiutilitarist) formuliert als Bedenken, in der Perspektive
des klassischen Utilitarismus hätten die verschiedenen Individuen keinen
inneren Wert. Man werfe dem Utilitarismus vor, “it treats individuals as
mere receptacles with no intrinsic value for the experiences of pleasure and
pain”.37 Bentham erwecke den Eindruck, “as if he was concerned with ma-
nipulable and predictable animals or machines – pleasure and pain ma-
chines – rather than men”.38 Das zeige sich etwa in Benthams Kritik der
Sklaverei: Diese war „conducted entirely in terms of utility and was based
34 Mill, Utilitarianism, 53. Hare formuliert zu Beginn seines einschlägigen Artikels
(Utilitarianism, 640): „Utilitarianism is the extension into philosophy of the
Christian doctrine of agape […], which has counterparts in the various formula-
tion of the Golden Rule that have been preached within all the other higher reli-
gions.”
35 Zu Sidgwick vgl. WeiĂź, Deontologie und Teleologie und Wolbert, Vom Nutzen
der Gerechtigkeit.
36 Singer spendet nach eigener Aussage ein Drittel.
37 So Hart in der „Introduction“ zu Bentham, Principles of Morals and Legislation,
XLVII.
38 Hart, Bentham and Beccaria, 51. Dagegen wisse Beccaria, dem Bentham viel ver-
dankt, sehr wohl um solchen inneren Wert. Bei Beccaria findet sich ĂĽbrigens
schon die Formel vom größten Glück der größten Zahl („la massima felicità divi-
sa nel maggior numero“). Kantianismus, Utilitarismus und die Menschenwürde
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik