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im Kraftfeld der jeweiligen Macht bewegen, d. h. sich die eigentlich ein-
schränkenden Maßnahmen zu eigen machen, so dass es kaum zu einem
Machtkampf kommt.11
Die Wertschätzung des Staates korrespondiert mit einer doppelten Ab-
grenzung. Zum einen zeigt sich in der Bevölkerung eine Skepsis gegen-
über inter- und supranationalen Einrichtungen wie den Vereinten Natio-
nen oder der Europäischen Union. Ihnen scheint es an Handlungskompe-
tenzen wie an Wissen um die lokalen Verhältnisse zu fehlen. Zum anderen
wird den Mechanismen der Marktwirtschaft wenig Vertrauen entgegenge-
bracht, die Krise zu bewältigen. Insbesondere wird eine deutliche Kritik
am Trend zur Kommerzialisierung von Krankenhäusern geübt. In Krisen-
zeiten, so kann man diese Tendenzen zusammenfassen, sehnen sich viele
nach einer sichtbaren Hand, und diese wird primär beim Staat gesehen
und eben nicht in den Marktmechanismen, für die seit Adam Smith das
Bild der invisible hand steht.12
Wenn die staatlichen Organe gut funktionieren und akute Herausforde-
rungen meistern, wirft dies meist auch ein gutes Licht auf die führenden
Politiker, die den Staat repräsentieren. Einige nutzen diese Chance, sich zu
profilieren, und erleben aktuell eine Sternstunde. Sie verkörpern Verant-
wortungsbewusstsein, Sorge und Entschlossenheit. Sie treffen den richti-
gen Ton und verbinden Ernsthaftigkeit mit Empathie. Sie verkünden harte
Einschränkungen und erfahren nicht trotzdem, sondern deswegen eine
hohe Zustimmung.
Dies lässt sich transaktionsanalytisch rekonstruieren.13 Regieren ist eine
asymmetrische Sozialbeziehung. Regieren heißt immer auch, Vorschriften
zu erlassen, Anweisungen zu erteilen und Verbote auszusprechen. Regie-
rende erscheinen in solchen Kommunikationssituation in der Rolle des
kritischen Eltern-Ichs. Sie geben Regeln vor und beurteilen ihre Einhal-
tung. Notsituationen hingegen bieten die günstige Gelegenheit, die Rolle
des kritischen durch die Rolle des fürsorglichen Eltern-Ichs zu ergänzen.
Die Einschränkungen sind schließlich Schutzmaßnahmen. Hinzu kom-
men vielfältige Unterstützungsleistungen, die anders als Wahlgeschenke
nicht Zustimmung kaufen bzw. belohnen sollen, sondern eine aufrichtige
Sorge um die Betroffenen signalisieren.
Noch eine dritte Akteursgruppe ist besonders zu erwähnen: die Virolo-
gen. Sie nehmen eine doppelte Rolle wahr. Zum einen agieren sie als He-
11 Vgl. Foucault, Analytik der Macht, 171, 230f.
12 Vgl. Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft, 164.
13 Vgl. Berne, Spiele der Erwachsenen. Einfache und vertrackte Probleme
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik