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Mit der Medikalisierung, der Normalisierung erhalten Sie gleichsam
eine Hierarchie von Individuen mit mehr oder weniger groĂen FĂ€hig-
keiten. Der eine entspricht einer bestimmten Norm, der andere weicht
davon ab; den einen kann man bessern, den anderen nicht; den einen
kann man mit einem bestimmten Mittel bessern, beim anderen muss
man andere Mittel einsetzen. Diese Einordnung der Individuen nach
dem Grad ihrer NormalitĂ€t ist meines Erachtens eines der groĂen
Machtinstrumente der heutigen Gesellschaft [âŠ] nach dem Grad der
ProduktivitÀt im weitesten Sinne.18
Foucault bezeichnet das Dreieck von Regierung, Bevölkerung und politi-
scher Ăkonomie, das eine seit dem 18. Jahrhundert andauernde Verbin-
dung realisiert, âdie auch heute noch nicht aufgelöst istâ19, als âGouverne-
mentalitĂ€tâ. Diese ist zugleich Vorgang wie Ergebnis des Vorgangs, âdurch
den der mittelalterliche Staat der Gerichtsbarkeit, der im 15. und 16. Jahr-
hundert zum Verwaltungsstaat wurde, sich nach und nach âgouvernemen-
talisiertâ hatâ.20 âDas, was es fĂŒr unsere ModernitĂ€t, das heiĂt fĂŒr unsere
AktualitÀt an Wichtigem gibt, ist also nicht die Verstaatlichung der Gesell-
schaft, sondern das, was ich eher die âGouvernementalisierungâ des Staates
nennen wĂŒrdeâ.21 Es handelt sich hier fĂŒr Foucault um einen fundamenta-
len Umbruch in der Ordnung der neuzeitlichen Gesellschaften, wie er ihn
schon zuvor fĂŒr das Erscheinen der Biopolitik diagnostizierte.
Si Dieu nâexiste pas âŠ:22 Die Achillesferse des gouvernementalen Staates
Zeitgleich mit dem Umbruch zur Gouvernementalisierung des Staates
stellt sich ein Problem mit neuer und besonderer SchÀrfe: das Problem der
SouverĂ€nitĂ€t, d.h. die Frage, âwelche juristische Form, welche institutio-
nelle Form, welche Rechtsgrundlage man der SouverÀnitÀt, die einen Staat
charakterisiert, wĂŒrde geben könnenâ.23 Nochmals deutlicher formuliert:
Wie kann Herrschaft, politische AutoritÀt, wie können Recht und Gesetz
legitimiert werden, wenn es kein ideelles oder metaphysisches Prinzip
gibt, wenn alles nur ânatĂŒrlichâ im modernen naturwissenschaftlichen
2.1
18 Foucault, Dits, 374f, u. Schriften, 485.
19 Foucault, Sicherheit, 162.
20 Foucault, Sicherheit, 163.
21 Foucault, Sicherheit, 163.
22 Dt. âWenn Gott nicht existiert âŠâ; Foucault, Sicherheit, 355.
23 Foucault, Sicherheit, 160.
Willibald J. Stronegger
218
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂŒrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik