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frühmodernen merkantilistischen Verwaltungs- und Wirtschaftsstaat, in
den Policeywissenschaften als einer Frühform biopolitischer Rationalität
konkretisierten:
Die Polizei ist die Gesamtheit der Interventionen und Mittel, die si-
cherstellen, dass das Leben, das Etwas-mehr-als-nur-leben, das Zusam-
menleben tatsächlich zur Bildung und Steigerung der Kräfte des Staa-
tes nützlich sein wird. Wir haben also mit der Polizei einen Kreis, der
im Ausgang vom Staat als rationale und berechnete Interventions-
macht über die Individuen zum Staat als Gesamtheit wachsender oder
zu steigernder Kräfte zurückkehrt. Aber wodurch wird dieser Kreis
hindurchgehen? […] Der Kreis wird durch das Leben der Individuen
hindurchgehen, aber wird auch durch ihr Etwas-mehr-als-nur-leben
hindurchgehen, durch ihr Mehr-als-leben hindurchgehen, d.h. durch
das, was man zu jener Zeit die Bequemlichkeit der Menschen, ihre An-
nehmlichkeit, oder auch ihre Glückseligkeit nennt […] aus dem Glück
der Menschen soll der Nutzen für den Staat entstehen […] Man findet
beispielsweise bei Delamare die Behauptung, dass der einzige Gegen-
stand der Polizei ‚darin besteht, den Menschen zur vollkommensten
Glückseligkeit zu führen, die er in diesem Leben genießen kann‘ […].
Alles, was von der bloßen Existenz zum Wohlbefinden [orig. bien-être]
führt, alles, was zur Herstellung dieses Wohlbefindens über die bloße
Existenz hinaus dient, und zwar auf solche Art und Weise, dass das
Wohl der Individuen die Kraft des Staates ist, das scheint mir das Ziel
der Polizei zu sein.27
Neben der bevölkerungsorientierten verwaltungstechnischen Seite, der Po-
licey, ist die zweite, gewissermaßen subjektiv-individuelle Seite der Biopo-
litik, die Minderung des Leidens und die Steigerung des individuellen
Wohlbefindens (bien-être), heute oft in die Begriffe Well-being oder Lebens-
qualität gefasst. Dieses „höchste Gut“ (das summum bonum) des gouverne-
mentalen Staates ist etwas völlig anderes als jenes in der alten metaphysi-
schen Tradition angestrebte, wie Foucault anmerkt: „Das ‚Gut‘, das in der
Definition der Regierung beim Hl. Thomas gemeint war (man soll es so
einrichten, dass die Menschen sich wohl verhalten, um Zugang zum
höchsten Gut zu erlangen), ändert seinen Sinn vollständig“28. Heute wäre
wohl „bio-psycho-soziales Wohlbefinden“ (analog zur Gesundheitsdefiniti-
27 Foucault, Sicherheit, 469f. U.a. hier wird deutlich, dass als „Leben“ in der Biopo-
litik Foucaults kein „nacktes Leben“ verstanden wird, wie zuweilen behauptet.
28 Foucault, Sicherheit, 472.
Willibald J. Stronegger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik