Page - 229 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Image of the Page - 229 -
Text of the Page - 229 -
meine Wohlfahrt, belasten und beeinträchtigen? Diese logische Folgefrage
stellt sich unmittelbar nach Etablierung von biopolitischen Sorgetechni-
ken, wie jenen in Form der Sozialhygiene, und unmittelbar entwickelt sich
auch ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neuer Diskurs im Be-
reich der Medizin und Hygiene: die Ergänzung der Sozialhygiene durch
die im deutschsprachigen Raum sogenannte Rassenhygiene (in den angel-
sächsischen Ländern als Eugenik bezeichnet).
Ein bedeutender Proponent der Kombination beider Techniken war der
Inhaber des ersten Lehrstuhls fĂĽr Sozialhygiene in Deutschland, der Arzt
Alfred Grotjahn. Im Jahr 1912 erschien sein Hauptwerk Soziale Pathologie,
in dem er sowohl sozialhygienischen Ideen von der sozialen Ätiologie der
Krankheiten folgt als auch rassenhygienischen Ideen, sofern sie dem obers-
ten Ziel der Herstellung einer gesunden Gesellschaft, bestehend aus „mus-
kelstarken, breitschulterigen, organgesunden Starken und Rüstigen“59, die-
nen. Aufgrund von Krankheitsstatistiken hielt er ungefähr ein Drittel der
Bevölkerung für gesundheitlich „minderwertig“ und die vorgeschlagenen
Lösungen beruhten, seinen beiden komplementären Ansätzen entspre-
chend, auf der Unterscheidung von
a) umweltbedingten Krankheiten – es geht darum, gesellschaftliche Be-
dingungen zu bessern (Sozialhygiene) – und
b) anlagebedingten Krankheiten – rassenhygienische Maßnahmen, um
„körperlich Minderwertige und Schwächlinge“ zu verhindern.
Als Lösung für die vorhandenen „geistig Minderwertigen, die als Irre, Ge-
wohnheitsverbrecher, unheilbare Trunkenbolde und ĂĽberhaupt unverbes-
serliche Psychopathen ohnehin aus der Bevölkerung ausgeschieden wer-
den müssen“, schlägt er die „planmäßige Ausmerzung durch Verwahrung
und Zwangsunfruchtbarmachung“ vor, wofür die „dauernde Asylierung“
„ein humanes und wirksames Mittel“ sei.60
„Sterbenmachen“: Die „Regeneration“ der Bevölkerung durch ihre
Auslieferung an Todesrisiken wie Pandemien
Grotjahn charakterisiert paradigmatisch die biopolitische Doppelstrategie
von Sorge, d. 
h. Förderung der Förderungswürdigen, bei gleichzeitiger Ab-
trennung der Nicht-Förderungswürdigen. Wenn die letztere Gruppe eine
3.3
59 Grotjahn, Hygiene, 185f.
60 Grotjahn, Hygiene, 200. Zwischen übersteigerter und fehlender Solidarität
229
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
back to the
book Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik