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Problemlagen.69 Der biopolitische Normalisierungsstaat ist in einem be-
stimmten Sinne ein Moralstaat, beruhend auf dem Prinzip der Transpa-
renz und Sichtbarkeit (vgl. den Panoptismus70) als einem konstitutiven so-
zialtechnologischen Dispositiv. Auch im liberalen Staat gilt, wie Foucault
ausführt: „Mit einer Hand muss die Freiheit hergestellt werden, aber die-
selbe Handlung impliziert, dass man mit der anderen Einschränkungen,
Kontrollen, Zwänge, auf Drohungen gestützte Verpflichtungen usw. ein-
führt“.71
Die Sorge-Menschenökonomie des Vorsorge- bzw. Wohlfahrtsstaates so-
wie die liberale Wettbewerbs-Ă–konomie der Humankapitaltheorie markie-
ren zwei komplementäre Pole bzw. dialektische Gegensätze hinsichtlich
ihrer Funktionsmechanismen und Strategien, treffen sich aber in ihrer bio-
politischen Zielsetzung.72 Sie bilden – wie Ulrich Bröckling ausführt –
„zwei konträre Regierungsrationalitäten, zwischen denen die Biopolitiken
des 20. und 21. Jahrhunderts changieren: Markt und Plan, unsichtbare
oder sichtbare Hand, zentrale Steuerung oder Selbstorganisation – zwi-
schen diesen Polen lassen sich die Versuche verorten, das menschliche Le-
ben ökonomisch zu regieren“73. Solidarität und Entsolidarisierung, För-
dern der Förderungswürdigen und Selektion der Nicht-(mehr-)Förde-
rungswürdigen – zwischen diesen komplementären Polen agiert die bio-
politische Rationalität. Beide Pole funktionieren, wie ausgeführt, zwar le-
gitimiert von einer Logik der Abwehr hygienischer Gefahren, aber orien-
tiert an gouvernementalen Zielsetzungen.
Gefährliche Epidemien oder Pandemien besitzen folglich das Potential,
beide Pole zu stärken und die biopolitische Transformation der Gesell-
69 Zur Illustration sei dieses Zitat aus einem aktuellen Zeitungsartikel, Der Terror der
Tugend (Martenstein, Terror), angeführt: „Unser Körper gehört nicht mehr uns al-
leine, wir haben unseren Körper offenbar vom Staat großzügig zur Verfügung ge-
stellt bekommen, und der Staat verlangt, dass wir mit dieser Leihgabe pfleglich
umgehen“ … „Willkommen in der Tugendrepublik Deutschland! In der Tugend-
republik verschmelzen drei geistige und politische Tendenzen der letzten Jahre.
Erstens die Tendenz zur Transparenz, die neue Geheimnislosigkeit. Zweitens die
Idee, dass ein moralisch einwandfreies Leben des Individuums staatlich durch-
setzbar sein könnte. Drittens der Gedanke der möglichst vollständigen Risikover-
meidung, wobei die Entscheidung ĂĽber individuelle Risiken nicht etwa im Er-
messen des Individuums steht. Die Entscheidung ĂĽber Risiken ist vielmehr Sache
des Staates, der dabei von einem Heer aufmerksamer Hobbydetektive und emsi-
ger Leserreporter unterstützt wird.“
70 Foucault, Ăśberwachen, 251f.
71 Foucault, Geburt, 98.
72 Stronegger, Institutionalisierung, 39.
73 Bröckling, Hirten, 331.
Willibald J. Stronegger
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik