Page - 263 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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Wir brauchen einen neuen Diskurs der Kultur, der trotz oder inmitten
der gegenwärtigen Traumata und dem Mangel an Horizonten, einen ge-
wissen Widerstand und eine unerwartete Fantasie freizusetzen vermag –
eine Kultur der Sorge.
Zärtlichkeit des Endlichen
Wie entwickelt sich allerdings solch eine Kultur der Sorge? Was meint die-
ser „Ruf der Sorge“, der in Zeiten der Bedrohung laut wird?
Ich bin davon überzeugt, dass sich aktuell die Zeit einer neuen Ästhetik
eröffnet: Mit dem Begriff „Ästhetik“ beziehe ich mich nicht auf den tradi-
tionellen Bereich der philosophischen Kunstreflexion, sondern vielmehr
auf die aisthesis als grundlegende Form der Weltwahrnehmung. Es handelt
sich hierbei nicht um eine ornamentale oder einfachhin ergänzende Di-
mension, sondern um die wesentliche Art des FĂĽhlens, die unseren Weltum-
gang ausmacht. Es geht um das Subjekt, um seinen Modus, die Welt und
den Anderen zu fĂĽhlen, die Welt und die Anderen zu berĂĽhren und sich
von der Welt und dem Anderen berĂĽhren zu lassen.
Innerhalb des ästhetischen Feldes der elementaren Beziehungen, die in
der Corona-Krise zunehmend fragiler werden, scheint es notwendig, ein
Kriterium zu finden, das eine gewisse Orientierung, einen neuen Horizont
eröffnen könnte. Es müsste sich um ein Kriterium handeln, das die Bezie-
hungen, welche das Subjekt in seinem Zur-Welt-Kommen konstituieren,
auf ihrer elementarsten Ebene in den Blick nimmt. FĂĽr mich stellt die
Zärtlichkeit solch ein Kriterium dar.
Allerdings muss man sich die Fragen stellen, ob eine Narrativität der
Zärtlichkeit, die sich der romantischen Rhetorik und der überflutenden
Sentimentalität entgegensetzt, heute überhaupt noch möglich ist. Nicht
nur hat eine solche Rhetorik die Zärtlichkeit ihres soziopolitischen – und
ich würde sogar sagen ihres mystischen – Potentials entleert; die Rede von
der Zärtlichkeit scheint heute geradezu eine Provokation sein. Über die
Zärtlichkeit zu sprechen klingt heute fast obszön. Roland Barthes hat ein-
mal von der Obszönität der Liebe gesprochen – wir können nun in glei-
cher Weise von einer Obszönität der Zärtlichkeit reden.5 Die häufige Wie-
derholung dieses Wortes erscheint unmittelbar suspekt. Wie kann man
ĂĽber eine ursprĂĽngliche BerĂĽhrbarkeit des Menschen gerade in der Zeit
der Unberührbarkeit sprechen? Wie kann die Zärtlichkeit ein Kriterium
3.
5 Vgl. Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, 180–182.
Die Zärtlichkeit am Ende? Apokalyptische Gefühle in der Zeit der Unberührbarkeit
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik