Page - 266 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Image of the Page - 266 -
Text of the Page - 266 -
in VergĂ€ngnisâ, wie Walter Benjamin rĂ€tselhaft sagen wĂŒrde,9 das jede Ido-
latrie der weltlichen Macht, jeden autoritÀren Konsum des Seins, jede Sa-
kralisierung des MondÀnen und jede obsessive Hervorhebung des Ichs au-
Ăer Kraft setzt, insofern all diese Einstellungen systematisch âeine Art von
Entfremdung, die uns alle trifftâ10, generieren.
ZĂ€rtlichkeit ohne HĂ€nde?
ZĂ€rtlichkeit kann hier ganz konkret als Bewahrung der Kontingenz in
ihrer Schwachheit, VergĂ€nglichkeit und Zerbrechlichkeit ĂŒbersetzt wer-
den. Eine solche Ăbersetzung verlangt Realismus und eine besondere Si-
tuationsempfindlichkeit, welche die heutigen Kultur- und Machtzentren
grundsĂ€tzlich verkennen (oder welche sie sogar verhöhnen). âDieser Man-
gel an physischem Kontakt und an Begegnung [...] trÀgt dazu bei, das Ge-
wissen zu âkauterisierenâ und einen Teil der RealitĂ€t in tendenziösen Ana-
lysen zu ignorieren.â11 Hier kommt eine besondere ZentralitĂ€t des Körpers
und der BerĂŒhrung zwischen Körpern zum Ausdruck, die ein spezielles
Wissen um die Humanisierung des Weltumgangs und des Denkens besit-
zen. Michel de Certeau spricht vom âGebet des Körpersâ12, womit er
meint, dass all unseren Handlungen und Gesten eine solche Bedeutung zu-
kommt, dass sie letztlich als Gebet verstanden werden können. Der
Mensch wird zu einem Baum aus Gesten, der die Ruhe und die Hingabe
entdeckt â âwie man sich zu einem Kranken setzt, wie man nach einem
Zwist eine Geste der Versöhnung andeutetâ13. Es geht hier um eine Gestik
im Alltag, die sich vor allem durch die HĂ€nde vollzieht, welche die Ge-
fĂŒhlskĂ€lte und Distanziertheit unserer urbanen Leben zu versöhnen ver-
mag. âEs giebt im Grunde nur Gebete, / so sind die HĂ€nde uns geweihtâ,
schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Stunden-Buch.14 Es geht um ein Hö-
ren und ein SpĂŒren, das jedoch, wie auch Papst Franziskus in seiner Enzy-
4.
9 Vgl. Benjamin, AusgewÀhlte Schriften, 280f.
10 Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 196.
11 Papst Franziskus, Enzyklika Laudato siâ.
12 De Certeau, GlaubensSchwachheit, 36.
13 De Certeau, GlaubensSchwachheit, 36.
14 Rilke, Das Stunden-Buch, 180: âAlle, die ihre HĂ€nde regen /nicht in der Zeit, der
armen Stadt, /alle, die sie an Leises legen, /an eine Stelle, fern den Wegen, /die
kaum noch einen Namen hat, -/sprechen dich aus, du Alltagssegen, /und sagen
sanft auf einem Blatt: /Es giebt im Grunde nur Gebete, /so sind die HĂ€nde uns
geweiht, /dass sie nichts schufen, was nicht flehte; /ob einer malte oder mÀhte, /
schon aus dem Ringen der GerĂ€te /entfaltete sich Frömmigkeit.â
Isabella Guanzini
266
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
back to the
book Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂŒrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik