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In den Praxisberichten wird diesbezĂĽglich von Akzentverschiebungen
berichtet, die auf Chancen seelsorglicher Begegnungen mit Personen ver-
weisen, die vorher weniger im Blick waren.19 Beispielsweise kommen Rei-
nigungsfachkräfte mit ihren Ängsten vermehrt ins Gespräch mit Seelsor-
ger*innen, weil sie es sind, die neben dem Schmutz auch kontaminierte
Kleidung und medizinischen Abfall entsorgen müssen. Führungskräfte
sind offener fĂĽr ein Wort des Zuspruchs oder einfach nur fĂĽr ein ver-
schwiegenes, aber offenes Ohr, weil die Last der Verantwortung während
dieser tückischen Krisensituation viel stärker drückt als unter herkömmli-
chen Alltagsbedingungen. Zudem zeigt sich in den Reflexionen, dass ver-
mehrt hauseigene Video- oder RadioĂĽbertragungen von Gottesdiensten,
Impulsen und Andachten in die Patientenzimmer an Bedeutung gewon-
nen haben. Aber auch von neu entstandenen Ideen wie mobilen Seelsorge-
teams die zu Gesprächen und zu speziellen Angeboten eingeladen haben,
wurde berichtet.
Auf dem langen Weg ins „Gelobte Land“ wurde Moses durch Gott an
die unterschiedlichsten Orte und in die unterschiedlichsten Situationen
hinein gesendet. Doch Gott war immer mit ihm. Dort, wo sich die Seelsor-
ger*innen in die Lebenssituationen all jener Menschen mit hineinnehmen
lassen, denen sie im Krankenhaus begegnen, werden sie in neuer Weise
Zeugen, BĂĽrgen und Botschafter der Alltagstauglichkeit der Liebe Gottes
und seiner Zuwendung.
„… [U]nd [er] sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und
Orte …“ (Lk 10,1) – Krankenhausseelsorge als die Kunst des vernetzten
Arbeitens
Die oben beschriebenen diversen Aufträge, Rollen und Zugehörigkeiten
von Seelsorger*innen in zudem sehr unterschiedlichen und ausdifferen-
zierten Systemen und Handlungsfeldern machen es evident, dass seelsorg-
liches Handeln immer auch Netzwerkarbeit ist.
Im Lukasevangelium ist davon zu lesen, dass Jesus zweiundsiebzig JĂĽn-
ger zu je zwei und zwei in all jene Städte und Orte vor sich her schickte, in
3.2.3
19 Siehe dazu das Konzilsdekret „Apostolicam actuositatem“ 8: „Der barmherzige
Sinn fĂĽr die Armen und Kranken und die so genannten caritativen Werke, die ge-
genseitige Hilfe zur Erleichterung aller menschlichen Nöte, stehen deshalb in der
Kirche besonders in Ehren. [...] Das caritative Tun kann und muss heute alle
Menschen und Nöte umfassen." Was willst Du, dass ich Dir tue? (Lk 18,41)
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik