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46 | Wien im Ständestaat
Muster. Die Schulreform Otto Glöckels und die Steuerpolitik Breitners, ein Dorn im Auge
der konservativen Bundesregierung, wurden zu Fall gebracht.6
Der geschichtliche Rückgriff auf Lueger, der die reformerischen Jahre des Roten Wien
vergessen machen sollte, war aber höchstens von symbolischer Bedeutung für die
Reorganisation der Stadt. Die politische Legitimation, die Lueger mit der identitätsstif-
tenden Einbindung aller WienerInnen zur Neuorganisation der Stadt am Anfang des
Jahrhunderts erreichte, scheiterte im Dollfuß-/Schuschnigg-Regime. Die Wiener Arbei-
terschaft blieb in fundamentaler Opposition, das Bürgertum7 war politisch nicht mehr
stark genug, um als soziale Basis zu fungieren.8
2.1.1.1 Einrichtung des Führerprinzips
Bei der Neuregelung der Verwaltung von Bundesstaat und Ländern kam es ab 1934 zu
einer Stärkung der Zentralgewalt. Durch die Neuregelung der Landesgesetze durften
Landesgesetzesbeschlüsse nur mit Zustimmung der Regierung veröffentlicht werden.
Auch die Praxis der autonomen Länderfinanzen erfuhren durch das Notverordnungsrecht
des Bundespräsidenten starke Eingriffe. Die Autonomie der Länder und das föderalistische
Prinzip des Bundesstaates wurden eingeschränkt.9
Im März 1934 wurde die Auflösung des Wiener Gemeinderates bekannt gegeben. Nach
der Verhaftung des sozialdemokratischen Bürgermeisters Karl Seitz10 wurde der Sozial-
minister Richard Schmitz11 als Regierungskommissär für Wien eingesetzt und am 6. April
1934 durch Bundeskanzler Dollfuß zum Bürgermeister ernannt. Die Stadträte wurden
gleichzeitig aus dem Entscheidungsprozess ausgeschlossen.12 Eine neue Wiener Stadtver-
fassung auf berufsständisch-autoritärer Grundlage, proklamiert am 1. April 1934, sollte das
6 Maderthaner, 1860 bis 1945, in: Csendes, Opll (Hg.), Wien, Bd. 3: 1790 bis zur Gegenwart, 2006, S. 473–479.
7 Neben der positiven Konnotierung bürgerlicher Werte durch Festivitäten, beispielsweise die Dr.-Lueger-Gedächtnis-
messen, Sing- und Tanzspiele sowie Umzüge, übernahm ebenfalls der Rückgriff auf die Zeit des Biedermeier eine zen-
trale Rolle in der Reaktivierung des Wiener Bürgertums, vgl.: Feller, Vergangenheit, in: Kos, Rapp (Hg.), Alt-Wien, Wien,
2005, Ausstellungskatalog, S. 273 f., 277–279.
8 Maderthaner, 1860 bis 1945, in: Csendes, Opll (Hg.), Wien, Bd. 3: 1790 bis zur Gegenwart, 2006, S. 482.
9 Gertrude Enderle-Burcel, Mandatare, 1991, S. 22.
10 Weiters wurden 35 Nationalrats- und Bundesratsabgeordnete sowie zwölf Bezirksvorsteher Wiens festgenommen und
in Anhaltelagern interniert, vgl.: Ebd., S. 8.
11 Schmitz war kurzzeitig Bundesminister für soziale Verwaltung vom 21. September 1933 bis 16. Februar 1934 (Doll-
fuß II). Er wurde wegen politischer Personalrochaden der konservativen Regierung vorzeitig von seinem Staatsse-
kretär für Angelegenheiten der Arbeitsbeschaffung und des Fremdenverkehrs sowie technischen Angelegenheiten
des Straßenbaus Odo Neustätter-Stürmer abgelöst (Dollfuß II, Schuschnigg I). Der Universitätsprofessor Josef Do-
bretsberger übernahm das Amt des Bundesministers für soziale Verwaltung am 17. Oktober 1935 bis 14. Mai 1936
(Schuschnigg I) und Neustätter-Stürmer wurde wieder zum Staatssekretär. Mit Josef Resch konnte ab 14. Mai 1936
(Schuschnigg II, III, IV) der schon unter Dollfuß eingesetzte Bundesminister für soziale Verwaltung (20. Mai 1932–
21. September 1933 Dollfuß I) reaktiviert werden. Er füllte das Amt bis zum Anschluss 1938 aus, vgl.: Österreichischer
Amtskalender, 1952, S. 10.
12 Maren Seliger, Führerprinzip und berufständische Vertretung auf kommunaler Ebene?, in: Talos, Neugebauer (Hg.),
Austrofaschismus, 2005, S. 162–165.
Open Access © 2017 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Wien Köln Weimar
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Title
- Das Schwarze Wien
- Subtitle
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Author
- Andreas Suttner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 296
- Categories
- Geschichte Nach 1918