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Der Städtebau im schwarzen Wien | 63
Trotz großer Beachtung des Projektes seitens staatlicher Stellen112 durch einen Artikel
in der Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines (ÖIAV)113 im Jahre
1936 kam der Flughafen nicht zur Ausführung.114 1937 wurde das Stadtflughafenmodell
im Propagandawettstreit mit Deutschland sogar dem gerade im Ausbau befindlichen
Berliner Flughafen Tempelhof als Zukunftsbild gegenübergestellt.115
2.1.2.2.2 Zentralfernbahnhof von Erich Kuschel
Kuschel forderte 1934 in seiner Doktorarbeit an der Technischen Hochschule Wien ein Umden-
ken bezüglich des aus der Donaumonarchie stammenden Bahnverkehrskonzeptes. Darin
sollten die fünf Großbahnhöfe Wiens116 durch die Errichtung zweier Hauptbahnhöfe117
zusammengeführt werden, um die weitere Entwicklung der k. k. Reichshaupt- und Resi-
denzstadt Wien zu ermöglichen. Kuschel verwarf dieses Konzept und wollte mit seinem
Entwurf einen Zentralfernbahnbahnhof nach internationalem Beispiel entstehen lassen,
der der Rolle Wiens in der Zwischenkriegszeit als demografisch stagnierende Stadt gerecht
werden sollte.118
Nach dem Fall der Monarchie erlitt die Eisenbahnwirtschaft durch wirtschaftliche
Krisen und eine daraus resultierende veränderte Verkehrswirtschaft starke Einbußen. Dazu
zählten rückgängige Fahrgastzahlen beim Personenverkehr durch die Zunahme des Indi-
vidualverkehrs auf der Straße und des Flugverkehrs sowie die Umorientierung des Güter-
verkehrs durch neue Energiequellen, neue Rohstoffe und Standortveränderungen wirt-
schaftlicher Betriebe. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 wirkte sich besonders auf die
Fahrgastzahlen aus, die von einem Höhepunkt von 7.703.408 Passagieren 1928 bis 1932
auf 4.134.851 Reisende, also auf insgesamt 53 % sanken.119 Kuschel strich die Bedeutung
des zukünftigen Bahnverkehrs als bequemes Massentransportmittel heraus und sprach
sich für eine Reformierung aus.120 Neben der Erhöhung der Reisegeschwindigkeit und der
Aufwertung der III. Fahrgastklasse forderte er „die Errichtung neuer Bahnhofsbauten, die
112 AdR Sonderarchiv Moskau, Schachtel: 514/1/3300, Foto mit rückseitiger Pressemeldung: Interessantes Projekt –
Stadtflughafen für Wien, 1937.
113 Kundl, Doktorarbeit, in: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines, Nr. 88, Heft 23/24, Wien,
1936.
114 Das medial stark publizierte Modell des Stadtflughafens wurde am 21.02.1936 von der Meisterschule Prof. Siegfried
Theiss dem Technischen Museum Wien geschenkt. Dort wurde es wegen starker Beschädigung, und weil es technisch
bereits überholt war, 1970 skartiert, vgl.: Kassierungsantrag vom 25.05.1970, in: Technisches Museum Wien Archiv,
Mappe BPA 1019/1.
115 Tempelhof wächst zum größten Flughafen heran, in: Der Werker – österreichische Blätter für technische Volksbildung,
2. Jg., Heft 9/10, 15. Juli 1937, S. 21.
116 Franz-Joseph-Bahnhof, Nordwestbahnhof, Nordbahnhof, Ostbahnhof und Südbahnhof.
117 Nord- und Südbahnhof.
118 Kuschel, Zentralfernbahnhof, 1934, Dissertation, S. 1–4.
119 Ebd., S. 29–33.
120 Ebd., S. 96 f.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Title
- Das Schwarze Wien
- Subtitle
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Author
- Andreas Suttner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 296
- Categories
- Geschichte Nach 1918