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Geschosswohnungsbau im Ständestaat | 99
städtisches Wohnbauprogramm346 innerhalb kurzer Zeit beginnen und forcieren. Somit
wurde die ideologische Umwertung der Bautätigkeit der Gemeinde innerhalb einer Für-
sorgepolitik eindeutig zurückgenommen. Dies veranlasste Bürgermeister Schmitz sogar
zu einem späten Eingeständnis in der Sitzung der Wiener Bürgerschaft Ende 1937, dass der
Wohnungsbedarf durch Privatbauten nicht gedeckt werden konnte und sowieso zur Hälfte
durch öffentliche Mittel und Förderungen aufrechterhalten werden musste.347 In diesem
Sinne wurde auch für 1938 die Schaffung von „stadteigenen Kleinwohnungshäusern“ für
„die zahlungsschwächeren Schichten der Bevölkerung“ durch die Gemeinde Wien ange-
dacht.348 Rund die Hälfte der für 1938 geplanten 4.910 Wohnungen sollten durch das
Stadtbauamt errichtet werden.349 Grob gesagt, sollte die Gemeindebautätigkeit wieder
aufgenommen werden.
Weihsmann spricht von einer Eigenbauleistung der Gemeinde im schwarzen Wien im
Umfang von 3.584 Wohnungen, die der zehnjährigen Bautätigkeit des Roten Wien mit
63.754 Wohnungen gegenüberstand.350 Trotzdem wurden die wenigen durch das Stadt-
bauamt erstellten Gemeindebauten während des Ständestaates ideologisch abgelehnt und
wie der durch das KlWFG unterstützte Bau IX., Reznicekgasse 18–22 sehr schlicht aus-
geführt.351
Nach dem Sturz des Dollfuß-/Schuschnigg-Regimes im Jahre 1938 wurden die Bun-
desgesetze bis zu ihrem vorgeschriebenen Auslaufen weitergeführt, wobei darauf verwie-
sen wurde, dass von den veranschlagten öS 40 Mio. erst Bürgschaften von öS 8 Mio.
übernommen worden waren. Noch vor der Anpassung an die sogenannten deutschen
Reglements und damit an die Nürnberger Rassengesetze352 sollte der Fonds bis Ende 1938 mit
Nachdruck weitergeführt werden.353 Das Bundesgesetz über die Förderung der Errichtung von
Wohnhäusern von 1938 wurde mit allen seinen Fristen vollständig durchgeführt und kam
346 Aus den Protokollen der Bank Austria geht ebenfalls hervor, dass 42% der Hypothekenübernahmen des Kleinwoh-
nungshausförderungsgesetzes 1937/38 mit der Gemeinde Wien abgeschlossen wurden. Immerhin öS 2.795.800 von
insgesamt öS 6.651.100 (1937: öS 6.271.600, Beginn 1938 bis zur NS-Diktatur: öS 379.500), vgl.: Bank Austria, His-
torisches Archiv, Zentralsparkasse, Protokoll der Verwaltungskommission, 1937, 1938. Für die I. Österreichische Spar-
kasse liegen aufgrund fehlender Unterlagen des Archivs leider keine Vergleichszahlen vor.
347 Seliger, Führerprinzip, in: Talos, Neugebauer (Hg.), Austrofaschismus, 2005, S. 177. Im Dezember 1937 wurde die Wen-
de in der Wohnbaupolitik ausführlich in der Sitzung der Bürgerschaft diskutiert, wobei nicht nur positive Stimmen zu
vernehmen waren, obwohl Schmitz die Bürgerschaft vom Erfolg des neuen Finanzierungsmodelles überzeugen wollte,
vgl.: Trinkaus, Wohnbaupolitik, 2013, S. 102, 105.
348 Amtsblatt der bundesunmittelbaren Stadt Wien, Jg. 46, Nr. 1, 1. Jänner 1938, S. 1.
349 Amtsblatt der bundesunmittelbaren Stadt Wien, Jg. 45, Nr. 52, 18. Dezember 1937, S. 3.
350 In seiner Berechnung fanden sich auch die rund 1.000 Wohnungen der Familienasyle und die Häuser der später vorge-
stellten Randsiedlungsaktionen, vgl.: Weihsmann, Bauen unterm Hakenkreuz, 1998, S. 1042.
351 Achleitner, Österreichische Architektur, Bd. III/1, 2010, S. 248.
352 Akt: Wohnbauförderung; Behandlung jüdischer Bauwerber, 9. April 1938, in: AdR BMfsV 1, 7. BWSA, Schachtel: 2405.
353 Behördliche Bauförderung – Die ersten Maßnahmen für Österreich, in: Österreichische Bauzeitung, 3. Jg., Wien, Juni
1938, Nr. 8 b, S. 135.
Das Schwarze Wien
Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Title
- Das Schwarze Wien
- Subtitle
- Bautätigkeit im Ständestaat 1934–1938
- Author
- Andreas Suttner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien - Köln - Weimar
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20292-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 296
- Categories
- Geschichte Nach 1918